Alles ganz nah

9 Uhr 30. Die Berge sind da. Weiß-graue Massive, ragen sie hinter dem See auf, verschwinden in schafigen Wolken, holen das Land in die Stadt. Bereits von der Bahnhofstraße aus sind sie zu sehen. Es ist warm, Föhnwetter, seltene Klarsicht. Im Schaufenster der Sprüngli-Konditorei steht eine vierstöckige Torte, an höchster Stelle ein schnäbelndes Vogelpaar aus Zucker. Das Café im ersten Stock erinnert an das geräumige Esszimmer einer alten Tante: so gediegen, so uneitel. "An den Preisen merkt man, dass die Schweizer Phantasie haben", sagt F. Er ist aus Berlin angereist, Zürich ist bloß ein Zwischenhalt auf seiner Fahrt nach Italien, er bleibt nur einen Tag. "Macht nichts", hatte ich gesagt. "Ich zeige dir die ganze Stadt." Er hatte gelacht. Die Brioches sind warm und süß, der Kaffee kommt auf einem Silbertablett, Schokolade dazu, ein Glas Wasser, der Rahm in einem kleinen silbernen Kännchen. Der ältere Herr am Nebentisch nickt uns zu, schlägt die Zeitung auf. Die weißen Haare aus dem Gesicht gekämmt, ein Seidenschal im Hemdausschnitt, schöne Hände, elegante Bewegungen. Die Kellnerin sagt: "Ischs recht gsi?" Ich sage, "ja, merci", und F. sagt: "Was?"
10 Uhr 40. Auf der Pestalozzi-Wiese, nahe des Bahnhofs, liegen Dutzende Menschen, Kinderwagen und Einkaufstüten neben sich, die Köpfe auf den Handtaschen gebettet. Ein rothaariges Mädchen wird von seinem Vater fotografiert, es ist sehr konzentriert, blinzelt nicht einmal. Ein gelockter Hund läuft herrenlos herum und lässt sich streicheln, eine Gruppe Exil-Tibeter sammelt Unterschriften. Alle paar Minuten fährt eine der blauweißen Trams laut bimmelnd durch die Straße. Zur vollen Stunde erklingt das Uhrenspiel über dem Juwelier Kurz, Holzmänner und -frauen in Trachten tanzen aus dem Gehäuse heraus. Die Passanten bleiben stehen, legen die Köpfe in den Nacken, die Japaner machen Fotos. Im Schaufenster einer Boutique, neben Fußbällen aus Pappe, hängen rot-weiße T-Shirts, ein Schriftzug quer über der Brust: "We are the Champions". Am Paradeplatz wehen die Schweizer und die Zürcher Flagge vom Savoy-Hotel, ein goldener Balkon glänzt im Sonnenlicht, über der Tür der UBS-Bank zieht ein Ochse aus Stein einen Karren.
"Es ist ganz einfach", erkläre ich F. "Je weiter du auf der Bahnhofstraße Richtung See gehst, desto teurer werden die Geschäfte." "Und desto leerer", sagt F. Das stimmt. In den Dependancen der großen Marken stehen die Verkäuferinnen zu zweit und dritt herum, schön wie Schaufensterpuppen. Sie warten nicht, sie repräsentieren. Einzig im Tiffany-Laden herrscht Andrang. Kunden stehen an, um eingelassen zu werden: Erst wenn jemand den Laden verlässt, hält ein Verkäufer die schwere Glastür auf und bittet die nächsten hinein. Jede Frau, habe ich kürzlich gelesen, sollte ein Stück von Tiffany besitzen. Wir schauen uns die Auslage an. F. sagt: "Vielleicht ein Schlüsselanhänger?" Aber dann, denke ich, lieber gar nichts.
11 Uhr 45: Der See ist bestückt mit Schiffen, jetzt am Wochenende auch mit Tretbooten, die tapfer vorankrauchen. Ein Kanufahrer treibt einen gelben Fußball mit dem Paddel vor sich her. Am Ufer trommelt ein Mann mit einem Busch von Rastazöpfen auf zwei leeren Farbeimern und einem Backblech. Es riecht nach Bratwurst und Waffeln und manchmal ein bisschen nach Meer. Rechts, vor der fernen Kulisse des Uetlibergs, spritzt das Wasser in sechs Fontänen hoch in die Luft. Ein Schiff, lang und schmal wie ein Aal, legt am Steg an, "River Cruise & Cocktail", eine Menschentraube steigt aus, neue Passagiere gehen an Bord. Seit einigen Wochen verkehrt nun auch die "Panta Rhei", das Prunkschiff auf dem Zürichsee. Weil es 70 Tonnen zu schwer war und zu hohe Wellen warf, hatte es noch einmal in die Werft zurück müssen.
"Die Welle wieget unsern Kahn / Im Rudertakt hinauf, / Und Berge, wolkenangetan,/ Entgegnen unserm Lauf", schrieb Goethe am 15. Juni 1775 während einer Fahrt auf dem Zürichsee. Er war 25 Jahre alt und enthusiastisch. Tage zuvor hatte er mit seinen Freunden im See gebadet: nackt, Ärger erregend.
Nackt sind die Passanten nicht, die am Ufer des Sees flanieren, aber manche Männer ziehen ihre T-Shirts und Hemden aus, führen ihre Körper vor wie einstudierte Kunststücke, registrieren aus den Augenwinkeln die Blicke. Vom Zirkus, der auf dem Festplatz sein Zelt aufgeschlagen hat, dringt Musik herüber, die sich mit den sphärischen Klängen eines peruanischen Querflöten-Duos vermischt. Wenige Meter entfernt, beim Sternen, gibt es die beste Bratwurst der Stadt: Wir holen uns jeder eine, setzen uns ans Ufer. Ein Haubentaucher zupft wütend an einem Plastikfetzen, die Schwäne legen ihre schwarzen Füße auf den Rücken, die Möwen meckern über irgendwas. Wir sind 665 Kilometer von Berlin entfernt und 1172 von Göteborg. Wir fühlen uns wie im Süden.
13 Uhr 40. Hier, in der Kronenhalle am Bellevueplatz, haben James und Nora Joyce ihren letzten gemeinsamen Abend verbracht. Es war der 9. Januar 1940, Nora glitt auf der vereisten Treppe aus und schimpfte, wütend und darum auf Italienisch: "Perchè m'hai fatta uscire una sera così?" (Warum musst du mich auch an so einem Abend ausgehen lassen?) In der Nacht bekam Joyce Bauchschmerzen, vier Tage später starb er an einem Magengeschwür. Fast vierzig Jahre später kam es hier zu einem Eklat zwischen Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch – weil Dürrenmatt Frisch in einer Widmung als "Kumpan" betitelte; ein Wort aus der Verbrechersprache, wie Frisch entrüstet feststellte. An den Wänden des Restaurants hängen Bilder von Matisse, Picasso, Giacometti, Chagall. Wir werfen einen Blick hinein, ein livrierter Kellner eilt auf uns zu. "Wir wollten nur mal schauen", sagt F. und der Kellner sagt: "Nur zu."
Die Pfadfinder tragen blaue Hemden und gestreifte Halstücher, sie halten Stadtpläne in der Hand, bleiben an jeder roten Ampel stehen. Wir folgen ihnen ins Niederdorf, verlieren sie aus dem Blick, als sie an einer Imbissbude anhalten. Das Großmünster ist innen kleiner als gedacht, sehr schlicht. Die Restaurants haben die Tische auf das Kopfsteinpflaster gestellt, Touristen und Einheimische sitzen in der Sonne, zwei Afrikanerinnen ziehen laut rasselnd ihre Rollkoffer hinter sich her, im Schaufenster des Delikatessgeschäfts liegen getrocknete Früchte: Sauerkirschen aus Michigan, Mangos aus Mexiko, iranische Feigen, türkische Aprikosen. "Sitzkissen für eine bequeme Euro 08" wirbt ein Einrichtungsladen, in einem Friseurgeschäft stehen mannshohe weißblühende Kakteen, in der Bäckerei liegen handgroße Maikäfer aus Schokolade. Die Brücke, die vom Central-Platz zum Bahnhof führt, ist mit grellblauen UEFA-Flaggen geschmückt. Eine Gruppe von Punkern hat hier ihren Platz. Sie verkaufen ein Straßenmagazin, fragen nach Geld, "häsch mir en Stutz?", sitzen auf den Bänken, trinken, streiten, lachen.
"Das", sage ich leise zu F., als wir an einer alten Frau vorbeigehen, die neben dem Fahrkartenautomaten müde an ihrem Rollstuhl lehnt, "ist Schwester Frieda." Seit mehr als 17 Jahren kommt sie in den Zürcher Bahnhof. Jeden Tag, von morgens bis abends, steht sie hier, sieht den Passanten hinterher. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Reisenden zu segnen. Manche nennen sie den "Bahnhofsengel", was F. sentimental findet, zumal es schon einen Bahnhofsengel gibt – den von Niki de Saint Phalle, der dick und bunt und kitschig unter der Kuppeldecke hängt. Angeblich gehört Schwester Frieda einem Laienorden an, aber man hört auch das Gerücht, dass sie hier Tag für Tag auf ihren Sohn wartet, der irgendwann in einen Zug stieg und nie wieder kam. Zum Reden hat sie keine Zeit, und wenn sie einmal einschläft, ist sie froh, wenn man sie weckt, weil sie sonst zu viele Passanten verpasst.
15 Uhr 40. Die Endstation ist nicht das Ziel. Das liegt noch einmal höher. Auf gewundenen Pfaden steigen wir nach oben. Ein Mann mit blassem, flächigen Gesicht kniet im Wald, die Hände gefaltet, er singt, es klingt wie sakrale Gesänge. Portugiesisch? Spanisch? Zwei Kinder spielen an einem Brunnen, stecken mit großem Ernst Stöckchen um Stöckchen in die Öffnung, die sofort vom hinausdrängenden Wasser weggespült werden. Radfahrer mit bunten Trikots und Helmen arbeiten sich hinauf, machen kleine, energische Schlenker, weichen Hunden und Kindern aus. Wollen nicht absteigen, jetzt auf den letzten Metern.  
Der Uetliberg, Zürichs Hausberg, ist eigentlich kaum mehr als ein Buckel, mit seinen 871 Metern. Von hier aus sieht man, wie klein die größte Stadt der Schweiz ist: Wie sie sich zwischen zwei Hügelketten eingenistet hat, flach bis auf einige Kirchen und die vier rotbraunen Hardturm-Hochhäuser, deren maroden Charme die Zürcher seit einigen Jahren wieder schätzen. Wir blicken auf 371.767 Einwohner, 1.200 Restaurants, 10.000 Hotelbetten, 24 Museen, 18 Kinos, 14 Theater, ein Opernhaus, 350 Banken, auf 1.200 Brunnen, 338 Psychiater, 9.200 anerkannte Workaholics und 7.000 Schrebergärten, über die ein chinesischer Journalist vor Jahren geschrieben haben soll: "Sogar die Slums sind in Zürich gepflegt." 
17 Uhr 10. Im Gloria ist alles weiß und grau, nur die drei Lampen über der Theke leuchten rot. Durch große Bullaugen sehen wir auf die Josefstraße, beobachten einen Cocker-Spaniel mit heller Rute, der geduldig wartet, bis sein Besitzer ein Gespräch beendet hat. Ein Mann mit schlecht sitzendem Toupet steigt in seinen silbernen Sportwagen. Eine schöne Frau mit Glatze und dunkel gerahmter Brille geht vorbei und lacht grundlos. Zwei Mädchen, nicht älter als siebzehn, kommen ins Café und setzen sich an den Nebentisch. "Er wollte sich nicht einmal mit mir tätowieren lassen", klagt die eine, und die andere sagt: "Sei froh, dass es aus ist." Die tamilische Kellnerin hat weiße Zähne und ein strahlendes Lächeln. Wir stoßen mit der heißen Schokolade an. F. holt zwei der Bücher, die in den Regalen im Eingangsbereich stehen: "Heimat ist Friede" für mich, "Schlafende Hunde lügen" für ihn.
Von zwölf Stadtkreisen ist das hier der vierte. Er heißt offiziell Außersihl, aber niemand nennt ihn so. Es ist der "Chreis Cheib". Übersetzt heißt das so viel wie "Kreis Kerl" – was keinen Sinn macht, aber irgendwie anrüchig klingt. Vielleicht rührt das daher, dass sich hier das Rotlichtviertel befindet. Wenn man die Langstraße entlanggeht, läuft man vorbei an unzähligen Cabarets, Sexclubs und Erotikkinos, an Pubs, Kneipen und Restaurants. Zuhälter und Studenten, Prostituierte und Drogenhändler, die Szenejugend und die Freier tummeln sich hier. Neben Gruschelläden ("Kleiner Preis, große Freude") und Take-Aways gibt es auffällig viele Schmuckgeschäfte, die Gold ankaufen. Der Schuhladen Peter & Vreni ist ein Geheimtipp, direkt gegenüber befindet sich ein Geschäft mit Haschutensilien, daneben ein Schaufenster voller Koffer – vielleicht für all jene, die genug haben von Zürich.
Wir fahren mit dem Bus Richtung Kreis 3, Wiedikon. Auf den Straßen Gruppen orthodoxer Juden, die Fellhüte groß wie Wagenräder, schwarze Mäntel bis zu den Knöcheln. Die kleinen Jungen tragen Schläfenlocken und Kippah, die jüdischen Frauen lange Röcke, blickdichte Strümpfe und die immergleichen Pagenschnitte, dichte, dunkle Haare – Perücken, die sie in der Öffentlichkeit aufsetzen, sobald sie verheiratet sind. F. sagt: "Krasse Kontraste." Auf der Toilette des Gloria hatte jemand mit Edding an die Wand geschrieben: "Dein unruhig Herz ist mir lieb". Im Bus sitzt ein zitternder Junkie neben einer alten Dame mit veilchenblauem Lidschatten und weißen, gehäkelten Handschuhen.  "Ja", sage ich. "Krass."
18 Uhr 50. Josefwiese, früher Abend. Auf dem Spielplatz Kinder, ein Junge schlägt mit einer Schaufel nach einem Ball, ein anderer wirft Sand in die Luft und versucht, ihn mit dem Eimer aufzufangen. Hinter den meterhohen Platanen, die zu knapp belaubten Stämmen beschnitten sind, sitzen Menschen auf dem Rasen, irgendwo wird gegrillt. Wenn ein Zug über das steinerne Viadukt am Rand der Wiese fährt, verstummen für einen Moment alle anderen Geräusche. Ein schöner Mann mit schmalen Schultern läuft vorbei und lächelt F. an, und F. lächelt auch und wird verlegen.
Vor dem Les Halles stehen erdbeerrote Tische und Stühle, drinnen hängen Rennräder an der Wand, daneben Postkarten, Fotos von Köchen, Mannequins und Radrennfahrern. Vitrinen mit Essen stehen dort und alte Sofas und Küchenregale, die mit Weihnachtspapier ausgelegt sind. Eine Werbetafel wirbt für "Bières de Chartres", in der Mitte des Raumes hängt ein verdorrter Mistelzweig, unter dem irgendwann irgendwer irgendwen geküsst hat. Marokkanische Paravents stehen zwischen den Tischen, ein Fernseher zeigt ein Tennisspiel, ein anderer die Nachrichten, vier Jugendliche spielen Tischfußball.
Wir essen Couscous und Humus und Fladenbrot. F. möchte ein Bier bestellen, und es ist Zeit für ein kleines Sprachtraining. Denn so bereitwillig die meisten Schweizer auch Hochdeutsch sprechen – in der Kneipe empfiehlt sich doch ein Grundwortschatz. So heißt das kleine Bier "Herrgöttli", das nächstgrößere "Stange" und das Große ganz einfach "Es Grosses". Wer ein Radler will, muss nach einem "Panaché" fragen, wer Milchkaffee bevorzugt, nach einer "Schale" und anstelle von Sekt sagt man "Cüpli". "Suuser" ist frisch vergorener Traubensaft, den Wein bestellt man als "Einerli", "Zweierli", "Dreierli", und wenn er "Zapfen" hat, schmeckt er nach Korken. "Schmecken" meint riechen, und wenn es jemandem geschmeckt hat, sagt er: "Es isch fein gsi." Das Wort "lecker" gibt es bisher nicht, aber da in den letzten Jahren immer mehr Deutsche in die Schweiz auswandern, wird es sicher auch hier bald gebräuchlich. 
Die Geroldstraße hinunter, vorbei an Klubs, die Helsinki heißen, Supermarket und Embargo. Zwischen zwei Industriebauten liegt ein winziger Garten, violette sternförmige Blumen ranken sich tapfer die Betonmauer empor, ein Reh aus Sandstein steht zwischen den Gräsern. Es ist kurz vor acht, eine Gruppe Jugendlicher kommt uns entgegen, verschwindet in einem der Fabrikhöfe. "Truckspotting Tower" steht an einem Turm, der aus neun übereinander gestapelten Containern besteht, 25 Meter hoch. Vom obersten Container aus blicken wir auf die Hardbrücke, eine der Hauptverkehrsachsen Zürichs, der Verkehr stockt, geduldig schiebt sich die Kolonne voran. "In Zürich", schrieb Urs Widmer einmal, "brauche ich vom Central bis zur ersten Kuh im Grünen gute zehn Minuten!" Irgendwo da unten, nur einige Kilometer Luftlinie entfernt, müssen sie sein: der See, die Berge, das Hinterland. Sehen können wir sie von hier aus nicht. Aber wir wissen: sie sind ganz nah.

Ein Baum reiht sich an den anderen, eine endlose Kette von Fichten, Kiefern und Birken. Manchmal ein See, der bis an die Straße heranreicht, mit Seerosen bestückt wie mit Broschen, weit draußen ein Kräuseln der Oberfläche, als habe jemand einen Stein geworfen, eben gerade, jetzt. Ich fahre von Göteborg nach Vimmerby, auf einer Straße, die Schwedens West- mit der Ostküste verbindet wie ein gigantischer Reißverschluss. Im Radio läuft Popmusik, Big girls don't cry. Auf einer Wiese grasen schwarzköpfige Schafe, verwitterte Granitmauern durchbrechen das Grün. Alle paar Kilometer steht ein Haus, ochsenblutrot, mit weißen Giebeln und Fensterrahmen. An den Straßenecken gelbe Wegweiser: Bullerby, Lönneberga, Vimmerby.
Astrid Lindgren hat diese Gegend geliebt, Småland, wo sie 1907 auf einem Bauernhof nahe Vimmerby geboren wurde. In der Mehrzahl ihrer Romane ist der Ort ihrer Kindheit der Schauplatz. "Falls du je in einem Wald in Småland gewesen bist", schreibt sie, "dann wirst du sofort wissen, wie es ist. Du hörst den Kuckuck rufen und die Amsel flöten, du fühlst, wie weich die Kiefernadeln unter deinen nackten Füßen sind, du siehst, wie weiß die Walderdbeeren auf den Lichtungen blühen."
Als Bronzefigur sitzt sie auf dem Marktplatz von Vimmerby, vor sich eine Schreibmaschine, die Hände neben der Tastatur. Pippi Langstrumpf steht als Schaufensterpuppe im Kaufhaus, Michel- und Ronja-Shirts sind hier zu bekommen, "Restaurang Lindgren" ist auf einem Schild zu lesen, auf einem anderen "Pippi-Hotel". Rot und gelb erhebt sich der Freizeitpark "Astrid Lindgrens Värld" am Rand der Kleinstadt. Ein Paradies für Kinder, weniger für Erwachsene, die ohnehin kaum in die Miniaturhäuser und -burgen passen und eher mit Tante Prusseliese fühlen, die auf einer der Gartenbänke einen Schwächeanfall erleidet.
Wenige Kilometer entfernt, im Museum auf dem Hof ihrer Eltern, sind Fotos von Astrid Lindgren zu sehen und ein Film. Mit ihrer Freundin Elsa Olenius klettert die fast Siebzigjährige um die Wette auf einen Baum. "Schließlich gibt es kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern!" Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, derselbe Bubikopf, mit dem sie als Teenager die Leute von Vimmerby schockierte und den sie bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren trug. Das gleiche Lächeln, immer ein wenig hintersinnig, ein wenig so, als mache sie sich lustig: über sich und die anderen, über die Hysterie, mit der sie verehrt wird.
In diesem November wäre sie hundert Jahre alt geworden. Möglich, dass sie es am Ende ihres Lebens manchmal leid war, die beliebteste Schwedin zu sein, "diese Astrid Lindgren", die sie "so satt" hatte: "Das bin nicht ich, über die sie überall so viel reden, es ist, als handelte es sich um jemand anders." Als ihr 1994 der Alternative Nobelpreis verliehen wird, sagt sie, dass dieser Preis an eine Frau gehe, die halb blind, halb taub und total verrückt sei – keine gute Werbung für Schweden also. Den Preis bekommt sie trotzdem. Angst vor dem Sterben hat sie da schon keine mehr: "Im Gegenteil, nur nicht gerade jetzt. Aber am Samstag würde es mir passen." Einige Jahre zuvor war ihr Sohn Lars gestorben. Sie hatte sich auf den Hof ihrer Eltern zurückgezogen, um zu trauern. "Man muss leben, damit man sich mit dem Tod anfreundet", sagte sie im selben Jahr in einer Fernsehaufzeichnung. Und setzte nach einer Pause sehr leise hinzu: "Glaube ich, tra la la."

Der Weg nach Högsby ist grün gesäumt, der Himmel von Schafwolken gesprenkelt. Drei Jungen stehen auf dem Geländer einer Holzbrücke, sie balancieren, während ein vierter raufklettert, dann springen sie gleichzeitig in den Fluss, mutig wie Lemminge. "Das Greta-Garbo-Museum?", fragt der Tankstellenpächter. "Im Dorfzentrum, nicht zu verfehlen." Er macht eine ungefähre Geste mit der Hand.
Unter Bahnen mit Europawimpeln stehen bunte Holzhäuser, E.M.M.A. heißt das Friseurgeschäft, im Schaufenster einer Bäckerei liegt ein riesiger Krebs aus Hefeteig, eine Sparkasse, ein Blumengeschäft, ein paar Cafés: das ist das Zentrum von Högsby. Vor einem unauffälligen Eckhaus, direkt neben dem Friedhof, steht ein Schild, Greta Garbo ist darauf zu sehen und "Museum" steht da.
Nein, auf der Hand liegt es nicht, dass ausgerechnet hier das weltweit einzige Greta Garbo-Museum ist. Denn geboren wurde Greta Lovisa Gustaffson, wie die Göttliche ursprünglich hieß, in Stockholm, und von einem Besuch in Högsby ist nichts bekannt. Aber ihre Mutter kam aus Högsby und das, so finden die Högsbyer, verbindet.
In einem der drei Räume läuft ein Stummfilm, Greta Garbo ist eher braun als blond, sie ist sehr jung, und sie küsst einen Mann, dessen Schnurrbart aussieht wie zwei kleine Flügel. "Unsichtbare Fesseln", steht im Prospekt, handle von einer modernen Frau zwischen zwei Männern. Irgendjemand hat 'ie' und 'ei' verwechselt, und darum ist zu lesen, dass sie "ihn immer noch leibt", sie sich aufs Neue "ineinander verleiben". Auf den Filmfotos an den Wänden trägt Greta Garbo eine Badekappe, einen Trenchcoat, Bermudas, einmal eine alberne Kapitänsmütze, und immer sieht sie schön aus und ein wenig gelangweilt. Was hätte sie wohl zum Garbo-Senf gesagt? Zum Garbo-Öl, dem Garbo-Sirup? Eine Garbo-Marionette hängt an der Wand, die Augen beschattet von dichten Wimpern. "Allgemein wird gesagt", behauptet das Infoblatt tapfer, "dass viele 'Augenhaare' üblich sind in dieser Gegend."
Im letzten Raum die Fotos der Eltern: das bäuerlich schöne Gesicht der Mutter, die androgynen Züge des Vaters. Das Bild eines Schulzimmers, Greta ist nicht zu erkennen und dann doch: Hübsch und etwas pummelig steht sie in der letzten Reihe und lächelt unsicher. "Vor ihrer ersten Rolle hat sie zehn Kilo abnehmen müssen", verrät mir die Angestellte des Museums. "Dabei blieb es." Eines der letzten Bilder von ihr zeigt sie als alte Frau, in einen Pelzmantel gehüllt, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, in einem Supermarkt, irgendwo in New York. Sie ignoriert die Kamera, aber sie muss sie gehasst haben – sie, die schon mit Mitte dreißig keinen Film mehr drehen wollte, weil ihr Gesicht seine puppenhafte Glätte verlor.

"Blow your own bowl" steht am Eingang zur Glasmanufaktur Orrefors. Für 150 Kronen kann man versuchen, das Wunder zu vollbringen: die Materie zu verwandeln wie ein Alchimist, aus Staub Glas zu machen. "Wie wär's?", fragt die Frau an der Kasse. Aber ich habe es bereits probiert: Am Morgen, in einer der kleineren Werkstätten, die Blase war dünn und schillernd wie aus Seifenwasser und zerbrach vor meinen Augen.
Heiß ist es, die Ofentüren stehen offen, Männer in kurzen Hosen und T-Shirts halten lange Stäbe ins Feuer, sie sehen aus wie Heizer auf einem Schiff. Die Fenster sind aufgerissen, gegenüber ist die Galerie zu sehen, in der man Glas in jeder Form kaufen kann, links davon die gläserne "Crystal Bar", neben dem Parkplatz ein Kiosk, an dem es Vanilleherzen und Trollen-Eis zu kaufen gibt. Ein Bus fährt auf das Gelände, Touristen steigen aus und steuern zielstrebig auf die Galerie zu.
"Glasriket" nennen die Schweden diese Gegend zwischen Jönköping und Kalmar, "Glasreich", denn hier gibt es nicht nur die großen Manufakturen Orrefors und Kosta Boda, sondern auch zahllose kleinere Glashütten.
"Was ist das Besondere an der Arbeit mit Glas?", frage ich Anna Ehrner. Sie ist Glasdesignerin, eine der renommiertesten in Schweden. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet sie bei Kosta Boda. Von ihr stammen riesige Vasen mit abstrakten Gravuren, farbenprächtige Lampen, Teller, in denen die Farben in Schlieren herumtoben, ovale Kugeln, aus denen lange, gewundene Glasstengel herausschauen – Spermien?, frage ich, und Anna Ehrner sagt: Spermien.
Das Besondere am Glas sei die Freiheit, erklärt sie, dass man auch nach so vielen Jahren immer noch neue Möglichkeiten entdecken könne, dass es nie langweilig werde. Sie hebt die Schultern und sieht fast ein bisschen ratlos aus: "Ich bin einfach verliebt in das Material."
Im Fall von Astrid Gate ist die Liebe zum Glas wahrscheinlich vererbt. Ihr Großvater, Simon Gate, war ein berühmter Glaskünstler, von ihm stammt die Graaltechnik: ein Rohling in mehreren Farbschichten wird durch Sandstrahlen oder Schleifen mit Ornamenten verziert und erst zum Schluss zur endgültigen Größe gebracht.
Astrid Gate lebt in Rösås, einem Weiler, so klein, dass er auf keiner Karte verzeichnet ist. Zwischen den roten und gelben Holzhäusern liegen Buckelwiesen, auf denen blasse Kühe weiden, in einem Vorgarten steht ein Miniaturhaus für Trolle, ein Mädchen reitet auf einem dicken Haflinger, die Beine zum Spagat gespreizt, um Halt zu finden, irgendwo mäht ein Rasenmäher, sägt eine Säge.
Astrid Gates Haus ist vollgepackt mit Büchern, Bildern, Glasvasen und -schmuck. Die Schildkröte Mel schwimmt neugierig an die Scheibe ihres Aquariums, der faltige Hals gereckt, die schaufelförmigen Beinchen in rascher Bewegung. Früher war Astrid Gate Krankenschwester, Fotomodell, Zöllnerin, heute verdient sie mit dem Verkauf einer ihrer Vasen so viel wie früher in einem Monat. "Vieles inspiriert mich", erklärt sie, "die Natur, zum Beispiel, aber auch Filme", sie zeigt auf eine prächtige Vase, auf Fabelwesen mit spitzen Gesichtern und übergroßen Augen: Aliens.
"Hast du deinen Großvater noch gekannt?" Sie schüttelt den Kopf: Nur seine Kunst; er selbst ist früh gestorben. "Aber meine Großmutter erzählte manchmal von ihm." Sie lacht. "Er hat sie verlassen, sie war nicht gut auf ihn zu sprechen."

"Hytt" heißt Hütte, "Sill" heißt Hering. "Hyttsill" müsste demnach so etwas wie ein "Hüttenhering" sein. Die Tradition stammt aus einer Zeit, als die Glashütten noch Treffpunkt der Gegend waren, als sich Arbeiter, Landstreicher, Jäger aus den umliegenden Wäldern abends in der Werkstatt trafen, um zu essen.
Drei Reisebusse stehen vor der Glashütte von Kosta Boda. Ach, so ist das, denke ich, und genau so ist es dann auch.
Im Kühlrohr, in dem tagsüber das Glas langsam abkühlt, werden Heringe, Kartoffeln und Griebenwurst gebraten. Die Amerikaner beißen tapfer in die salzige Wurst, zwei Gitarristen singen schwedische Lieder, es geht um einen Vogel, flyga, flyga, flyga, ein paar Männer flattern mit den Armen, die Melodie ist vertraut, ein Weihnachtslied, die dänische Reisegruppe singt am lautesten, sie schunkeln, die Deutschen machen kurz mit und weigern sich dann. "Jetzt", erklärt die Moderatorin, als zwei Glasbläser die Bühne betreten, "kommt der Höhepunkt des Abends." Rot leuchtet der Glasball, verändert seine Form, wird rund, dann lang, eine Schale entsteht, die plötzlich flach und zu einem Teller wird, es ist sehr still in der Glashütte, die Japanerinnen mit den Flechtezöpfen starren auf den Ofen, sie haben aufgehört zu kichern.

Ich stehe vor der steilen Treppe, die zum Eingang von Schloss Teleborg hochführt, zwei steinerne Löwen heben ihre Tatzen, im Hintergrund ist ein Zipfel des Parks zu sehen, eine verlassene schmiedeeiserne Gartenbank, Trauerweiden. Soeben habe ich erfahren, dass ich ganz alleine im Hotel sein werde, und jetzt finde ich, es wäre besser gewesen, das nicht zu wissen.
Schloss Teleborg war 1900 das Hochzeitsgeschenk des Grafen Gustav Bonde für seine Frau Anna, die das Präsent nur wenige Jahre nutzen konnte, bevor sie starb. Heute dient das Schloss, am Rande der Universitätsstadt Växjös gelegen, als Hotel und Kongresszentrum.
In der Nacht lausche ich auf Schritte, doch entweder schlucken die weichen Teppiche jedes Geräusch oder ich bin tatsächlich der einzige Gast im Schloss. Der Park liegt dunkel und still unter meinem Balkon, ganz in der Nähe muss der See Trummen sein, tintenschwarz wie die Nacht, die ihn verschluckt, ich schließe die Doppelfenster, rüttle ein-, zweimal daran, im Fernsehen ist Richard Gere zu sehen, und irgendwie ist das tröstlich.
Am frühen Morgen laufe ich durch Växjö, vorbei am roten Dom mit seiner markanten Doppelspitze, vorbei am Pub The Bishops Arms, in dem sich am Vorabend die Studenten gedrängt haben, zum Glasmuseum, das, so verrät ein Plakat, eine Ausstellung anlässlich des Carl von Linné-Jahres zeigt. Unter der weißen Lockenperücke ein strenges Gesicht, eine Blumenranke in der Hand, "Mr Flower Power", steht in einer Ecke des Plakats.
Das Ding sieht aus wie ein Paternoster oder ein geräumiges Vogelhäuschen: Auf vier hohen gedrechselten Beinen ein Kasten, ein Guckloch auf jeder Seite, dickes, gewölbtes Glas, das, hält man das Auge daran, plötzlich Pflanzen zeigt, einen winzigen Wald im Kasteninneren. Zerbrechliche Blumen liegen auf Tischen, auf einem Podest steht ein riesiger Kaktus mit roten Glasstacheln, Blätter aus perforiertem Glas schwimmen auf einem aufgemalten Teich. "Die Künstler haben sich durch Carl von Linné inspirieren lassen", erklärt der Experte Björn Arfvidsson die Ausstellung. "Sehen Sie hier." Er zeigt auf eine Reihe von Glasblüten: "Monogame, Bigamisten, Polygamisten."
Es ist Linné, dem "Kanzleibeamten Gottes", dem "größten Botaniker", wie er sich selbst nannte, zu verdanken, dass die Fortpflanzung der Blumen so menschliche Züge annahm. Je nachdem, wie viele Staubblätter (männliche Geschlechtsorgane) und Stempel (weibliche) zusammentrafen, erklärte er die floralen Liebesverhältnisse. "Ehemann und Ehefrau erfreuen sich desselben Gemachs" – bei je einem Staubblatt und Stempel – wurde allgemein akzeptiert. Die Erklärung "zwanzig Männer und mehr in demselben Bett mit einer Frau", angesichts der unschuldigen Gruppierung mehrerer Staubblätter um einen Stempel, ging den meisten seiner Kollegen aber zu weit. Wobei es allzu lauten Kritikern passieren konnte, sich als neu entdecktes Unkraut in Linnés Pflanzenverzeichnis wiederzufinden.
Berühmt ist der vor genau dreihundert Jahren auf einem Bauernhof nahe Växjö geborene Linné jedoch, weil er es war, der die bis heute gültige binäre Nomenklatur als Benennungssystem für Flora und Fauna einführte. Aus der "Grossularie mit den vielen Einzelbeeren, auch genannt dornenlose rote, oder auch Ribes für den medizinischen Gebrauch" wurde so die "Ribe rubrum" – die rote Johannisbeere. Aus dem "runden hoch-rothen Marien-Kefer mit schwarzen Puncten" wurde der "Coccinella septempunctata" – der Siebenpunkt-Marienkäfer. 
Auf dem Gelände seines Geburtshauses in Råshult ist neben einem Nutz-  auch ein Ziergarten angelegt. Linnés Vater Nils, ein Pfarrer, hatte anhand der Pflanzen eine Tafelrunde dargestellt, wobei er den Damen üppige, aber niedrige Blumenstauden, den Männern eher hochgewachsene Gewächse zuordnete. Sich selbst sah er im Mandelbaum verkörpert, umgeben von Walderdbeeren, für die er eine Vorliebe pflegte. Überraschend, dass auch sein Sohn, der in anonymen Rezensionen seine eigenen Publikationen schon mal als unerreichte "Meisterwerke" feierte und sich selbst in direkter Arbeitsteilung mit Gott verortete – "Gott erschafft, Linné ordnet" –, eine eher unauffällige Pflanze zu seinem persönlichen Liebling erkor: das Moosglöckchen, dessen wissenschaftlicher Name – Linnaea borealis – auf ihn zurückgeht.

Wenn man den direkten Weg nach Göteborg nimmt – von Växjö nach Jönköping, von da weiter auf der A 40 nach Göteborg – ist es schwer sich zu verfahren. Das kann man nur, wenn man abweicht von der Route, um in einem der Dörfer einen Kaffee zu trinken, in einem Kramladen gestreifte Drops, Kandiszuckerstengel und nach Honig duftende Seife zu kaufen oder um durch die Nadelwälder zu streifen und nach Moosglöckchen zu suchen. Man muss genau schauen: An einem zierlichen Stengel, so stramm, als drückten die Blumen den Rücken durch, sitzen zwei nickende Blütenköpfe in zartem Rosa, sehr bescheiden, sehr rechtschaffen, schön erst bei näherer Betrachtung. Zwischen den Büschen blitzt ein See, zwei Enten durchpflügen das Wasser, verschwinden mit leisem Rascheln im hohen Schilf, mit jeder Wolke, die vorüberzieht, ändert sich das Licht, wird matt, strahlend, rotgolden. Die Straße liegt irgendwo hinter den Bäumen. Sich ein wenig zu verlaufen, ist jetzt nicht mehr schwer. In diesem Fall ist es das Beste, was einem passieren kann.