Wir waren zum Essen bei Hannes
und Birgit, und sie hatten noch zwei weitere, uns unbekannte Freunde
eingeladen, ein Mediziner-Pärchen: sie Dermatologin, er Zahnarzt. Wenn
ich einen Zahnarzt kennenlerne, schaue ich immer als erstes auf seine
Zähne, und als zweites frage ich mich, wie um alles in der Welt jemand
freiwillig Zahnarzt werden kann.
Der Zahnarzt war ein sehr netter und hübscher Mensch: blonde Locken,
blaue Augen, schöne Zähne. Wir aßen und sprachen über Essen, Politik und
den Umstand, dass Friseure, wenn man ihnen sagt, mach einfach mal, immer
alles falsch machen. Hannes fragte: Wer will noch Wein?, und der
Zahnarzt sagte, dass er Angst vorm Zahnarzt habe. Schlimm sei das,
bestätigte seine Freundin, keiner seiner Kollegen wolle ihn mehr
behandeln, er sei so anstrengend, weigere sich, den Mund aufzumachen,
könne nächtelang vorher nicht schlafen. Während sie all das erzählte,
saß er mit gesenktem Kopf daneben, versuchte ein Lachen, die Spritzen,
murmelte er, seien es, die ihm Angst machten und das Bohren auch.
Wäre ich mit meinem Zahnarzt nicht so wahnsinnig zufrieden, würde ich
sofort zum Blonden wechseln. Mein Zahnarzt wird in diesem Mai 70 (ich
weiß das so genau, weil er mir bei meinem letzten Besuch die
Röntgenbilder seiner Hüftoperation zeigte, und da stand das Geburtsdatum
drauf), und ich ahne, dass er irgendwann, bald schon, in Rente gehen
wird. Aber noch ist er viel zu gerne Zahnarzt, auch nach der
Hüftoperation pausierte er nur einen statt der verordneten drei Monate.
Sobald man im Stuhl sitzt, macht er klassische Musik an. Wenn man dann
immer noch Angst hat, holt er seine zwei Hunde in den Behandlungsraum.
Die kommen herein gebummelt, wedeln gelangweilt mit dem Schwanz, lassen
sich kurz streicheln und das hilft. An den Wänden der Praxis hängen
riesige Familienphotos, sie müssen irgendwann in den siebziger Jahren
gemacht worden sein. Immer, wenn mein Zahnarzt an mir arbeitet,
betrachte ich seine Frau und seine drei Kinder, die damals noch ziemlich
klein waren und jetzt wahrscheinlich älter sind als ich. Wenn eine
Volksabstimmung ansteht - und das ist in der Schweiz sehr oft der Fall
-, spannen sich Wimpelketten von einer Wand zur anderen, die Schweizer
Flagge ist mehrfach an die Wand gepinnt, Parolen stehen auf einem
Plakat, das an die Tür geklebt wurde. Die Arzthelferinnen tun so, als
sei alles normal, die Patienten betrachten betreten ihre Schuhspitzen,
irgendwann ist man dran und duckt sich unter den Wimpeln weg, um ins
Behandlungszimmer zu gelangen. Der Arzt wirft den CD-Spieler an, die
Hunde wedeln, alles wie immer.