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Nachbeben
Am frühen Nachmittag erreichen sie das Dorf, das weiße Dorf, wie es im
Reiseführer genannt wird (tatsächlich ist es hell: die schmucklosen
Häuser, die Brunnen, der blasse Stein der Straßen und Plätze), und Ellen
beugt sich vor und sagt, es ist so heiß, wann sind wir endlich da? Albert
zieht eine Grimasse, die ein wenig an eine Teufelsmaske erinnert oder an
ein seltsames Tier, und Irene sagt, jetzt.
Vom
zweiten Stock des schmalen Holzhauses aus sieht Irene das Meer, eine grüne
Fläche, die sich zum Horizont hin wölbt und die sie einen Moment lang für
eine Wiese hält. Sie sieht, wie David und Almo im Garten sitzen und David
seinen blonden Kopf in Almos dunkles Fell legt; sie beobachtet, wie Ellen
und Albert vom Auto zum Haus gehen, wie sie die Taschen und Koffer
hineintragen. Für ihr Alter ist Ellen groß. Sie ist erst neun, aber sie
hat ein erwachsenes, dreieckiges Gesicht mit breiten Wangenknochen und
kurzem Kinn. An Ellens Augen kann man alles ablesen: Schrecken, Freude,
vor allem Ungeduld (der Blick nach oben bei gesenktem Kopf, eine einzelne
steile Falte zwischen den Brauen); wegen ihrer Augen kann Ellen nicht
lügen, aber vielleicht lernt sie das noch. Schon immer war sie ein
hübsches Kind, jetzt sieht sie aus wie eine schöne, kleine, sehr zierliche
Frau. Sie behandelt David mit zärtlicher Verachtung, sie liebt es, ihn zu
umarmen und zu küssen, aber er lässt sich das nicht mehr gerne gefallen.
Sie lacht, wenn er sie abschüttelt.
Die
nächsten Häuser sind gut dreißig Meter entfernt, weit genug, um Ruhe zu
haben, nah genug, um sich nicht einsam zu fühlen. Zwischen den Häusern und
dem Meer ist ein Pinienhain, ein schmaler, hoher Streifen locker stehender
Bäume. Vom Garten aus führt ein Trampelpfad zwischen den Bäumen hindurch
an den Strand; Ellen und David laufen vorne weg, um ihre Beine springt
Almo und versucht, ihnen in die Knöchel zu zwicken, sie rufen, hör auf!,
aus!, aber Almo versucht es immer wieder. Am Strand legt er sich in den
Schatten, stößt von Zeit zu Zeit die Schnauze in den Sand und beginnt zu
graben, eifrig, als habe er die unterirdischen Tritte einer Maus
vernommen, irgendwann gibt er auf, kippt zur Seite und hechelt. Irene und
Albert breiten ihre Handtücher nebeneinander aus. Sie blicken aufs Wasser,
das nur in der Ferne ruhig scheint und solide, während es sich im
Näherkommen tosend aufbäumt, um gleich darauf in sich zusammenzusacken.
Wenn sie etwas sagen, sind sie höflich, zwei Fremde auf einer Feier. Die
Kinder schwimmen ein paar Züge, dann richten sie sich auf und warten mit
vorgestreckten Armen auf die Wellen, in die sie mit Kopfsprüngen
eintauchen.
Die
Tage sind matt und blau, sie reihen sich aneinander, unterschiedslos in
ihren Gerüchen, Geräuschen und Farben. Einmal sehen sie in der Nähe der
Küste ein Schiff, die träge flatternden Segel, seine Länderflagge, die sie
nicht kennen.
Der
Nachbar trägt eine knielange Badehose, deren Nähte farbig abgesetzt sind,
und ein Poloshirt. Wie wäre es, wenn Sie und Ihre Frau heute Abend zum
Essen kämen?, hört Irene sich fragen. Aus ihrem Schlafzimmerfenster beugt
sich Ellen heraus und betrachtet unbeteiligt das Geschehen. Von weither
ertönt das Heulen einer Sirene. Sturmwarnung, sagt der Nachbar. Morgen
darf man nicht ins Meer, wussten Sie das?
Sie
kommen pünktlich und bringen eine Flasche Wein und einen Kaktus mit. Man
verschenkt eigentlich keine Kakteen, nicht wahr?, sagt Linda. Sie hat die
dunklen Haare zu mädchenhaften Locken aufgedreht und trägt Ohrringe, die
bei jeder Bewegung vor und zurück schaukeln. Ihr Gesicht ähnelt dem einer
sanft gealterten Puppe: die dicht bewimperten Augen unter den zu schmalen
Bögen gezupften Brauen, der kleine Mund, die stumpfe Nase, die runden
Wangen mit ihren zerfließenden Konturen. Sie lächelt viel, ein um
Nachsicht bittendes, verhaltenes Lächeln, das Mitleid erregt und den
Wunsch, ihr weh zu tun. Sie ist nicht dick, aber auch nicht ganz schlank;
fraulich, ist der Ausdruck, der Irene als erstes in den Sinn kommt. David
und Ellen haben auf dem Fußboden gespielt, jetzt sind sie aufgestanden, um
die Gäste zu begrüßen. Linda beugt sich zu ihnen hinab und streicht David
über das Haar, das vom Teppich elektrisiert ist und ihm wie der verblühte
Flor einer Kuhblume um den Kopf steht.
Linda
und Peer leben die Hälfte des Jahres hier, die andere Hälfte arbeiten sie
als Galeristen. Sie verkaufen moderne Kunst, Bilder, Installationen, vor
allem Skulpturen. Das meiste davon erotisches Zeug, sagt Linda, nackte
Frauen, ineinander verschlungene Menschen, riesenhafte Genitalien in
grellen Farben. Sie gibt ein kurzes Lachen von sich. Die Leute mögen das,
man kann gut davon leben. Sie sieht sich in der Wohnung um. Es sieht
anders aus, stellt sie fest. Hast du gesehen, Peer?, es wurde renoviert.
Sie kannten die Leute, die das Haus die Jahre zuvor gemietet hatten.
Engländer, sagt Peer, nette Familie, aber nicht gerade zugänglich. Er
zieht die Augenbrauen in die Stirn und sieht nachdenklich auf seinen
Teller. Und ziemlich unglücklich, fügt er hinzu, na ja, so schien es mir
wenigstens. Während er spricht, schneidet er geschickt den Bauch des
Fisches auf und löst rasch das Fleisch von den Gräten. Das Besteck sieht
klein aus in seinen Händen, er ist größer als es zuerst den Anschein
hatte, sehr muskulös, fast unförmig. Bei ihrer ersten Begegnung hatte
Irene ihn auf Mitte fünfzig geschätzt, jetzt ist sie sich nicht mehr
sicher; er könnte jünger sein, in seinen dunklen Haaren ist kein Grau,
kein Weiß zu entdecken. Sein Gesicht ist breit, sein Blick so unverwandt,
dass er mitunter bedrohlich wirkt. Die Oberlippe ist schmaler als die
Unterlippe, die Mundwinkel sind lang gezogen und enden in zwei kurzen
Falten; wenn er lacht, vertiefen sich die Falten zu kleinen Mulden. Er hat
eine Theorie über das Leben, die er mit großem Ernst erläutert. Die Welt
besteht aus Gegensätzen, die sich zu einer spannungsreichen Einheit
zusammenfügen: das abstrakte und das konkrete Denken; die Suche nach Neuem
und die nach Geborgenheit; die Strenge, die Sanftmut; das Nehmende und
Gebende. All das. Licht und Dunkel. Männer und Frauen. Erst aus den
Widersprüchen entsteht Großes, sagt Peer und sticht seine Gabel in die
Limonentorte, wo sie stecken bleibt, aufrecht wie ein Spaten im Schnee.
Was habe die Moderne erreicht, mit ihrem Drang zur Nivellierung? Nichts,
sagt er entschieden, nichts als Unordnung und Konfusion. Nehmt zum
Beispiel die Ehe: Hier bin ich der General und Linda ist die Kavallerie,
nur darum funktionierts, und Linda sagt feierlich, als rezitiere sie ein
Gedicht: Wir sind eine Null und eine Eins, aber zusammen sind wir eine
Zehn. Peer nickt ihr zu, wie man einem Kind zunickt, das zu sehr gefallen
will. Wie ist das bei euch, fragt er, wie habt ihr euch arrangiert? Er
sieht Irene an, und sie sagt mit einer Gelassenheit, der sie selbst nicht
traut: Keine Arrangements, keine Rangordnung, wir schlagen uns so durch.
Sie hat
den Eindruck, dass sich hinter Peers Besonnenheit, seiner Ruhe und dem
demonstrativen Interesse an dem, was sie sagt, hinter seiner ganzen
ausgeklügelten Kultiviertheit und Schläue eine Brutalität verbirgt, eine
Roheit, die nur notdürftig bemäntelt ist. In manchen Momenten – meist,
wenn Linda zu sehr auf das vertraut, was man weiblichen Charme nennen
könnte – bricht diese Brutalität auf, lässt sich auf seinem Gesicht
ablesen, aus dem Blick, den er Irene zuwirft, erahnen. Und wie sieht's
aus, fragt er, wollt ihr im nächsten Jahr wiederkommen? Albert sagt, wer
weiß schon, was in einem Jahr sein wird? Er presst die Lippen zu einem
Lächeln zusammen, sieht Irene an und dann rasch seine im Schoß
verschränkten Hände. Seit Wochen trägt er seine Bereitschaft zur Vergebung
vor sich her wie eine Fahne.
Nach
dem Essen steht Linda auf. Nein, wehrt sie ab, als Irene ihr den Weg
erklären will, ich erinnere mich, wo die Toilette ist, wir waren ja schon
oft hier. Irene sieht ihr hinterher, wie sie zur Treppe geht. Lindas Gang
hat etwas Laszives, sie knickt in den Hüften ein und macht kleine
Schritte, bei denen sie die Füße so exakt voreinander setzt, als
balanciere sie auf dem schmalen Grat einer Mauer oder auf einem Seil; an
der Treppe bleibt sie einen Moment lang stehen und sieht, eine Hand auf
dem Geländer, zu ihrem Mann zurück, vielleicht ist sie betrunken,
vielleicht möchte sie ihm mit ihrem Blick etwas mitteilen, aber Peer sieht
sie nicht an. Als sie nach zehn Minuten nicht zurück gekommen ist, geht
Irene ihr nach. Linda steht im Schlafzimmer und dreht sich langsam um, als
Irene eintritt. Siehst du den roten Saum am Himmel? Ist das nicht schön?
Sie lächelt, und Irene sieht den Sonnenuntergang an, das Rot, das an den
Rändern verwischt und in die Farbe einer abheilenden Wunde übergeht. Ja,
sagt sie, sehr schön.
In der
Nacht setzt der Regen ein, der Sturm reißt am Haus, bis es ächzt. Im
ersten Morgenlicht kommen David und Ellen zu ihren Eltern und legen sich
zwischen sie. Es stürmt den ganzen Tag und sie verlassen das Haus nur, um
mit Almo zum Pinienwald zu gehen. Das Haus ist ihr Schiff, Irene ist der
Kapitän und Albert der erste Offizier. David ist der Maat und kocht das
Mittagessen, Ellen hilft ihm. Sie schneiden Paprika und Zwiebeln in dünne
Ringe und braten sie an, bis das ganze Haus danach riecht. Sie spielen,
was wärst du für ein Tier, wenn du eins wärst? Sie sind ein Schakal
(Albert), ein Gnu (Irene), ein Reh (Ellen) und ein Hamster (David). Sie
spielen Theater, und Ellen legt sich Irenes Schmuck an und bindet sich
einen Seidenponcho als Schleier um den Kopf. David führt sie ins
Wohnzimmer und ist ihr Diener. Er nimmt ihre Befehle entgegen und holt ihr
das Gewünschte (Kissen, einen Apfel, Stifte, den Malblock). Er baut ihr
aus den Kissen einen Thron, er reicht ihr den Apfel, und sie isst ihn
langsam, während er neben dem Kissenthron kniet und malt, was sie ihm
befiehlt. Als ihr langweilig wird, nimmt sie ihm den Block aus der Hand
und schreibt auf ein leeres Blatt: Hiermit gebe ich dich frei, und Irene
muss David erklären, was das heißt und dass er nicht weinen muss, sondern
seine Schwester weiterhin bedienen darf.
Am
Abend klopft es an der Tür. Linda bringt ihnen eine Packung Kerzen; für
alle Fälle, sagt sie. Sie lässt sich zu einem Glas Wein überreden und
betrachtet Ellen und David, die auf dem Fußboden des Wohnzimmers sitzen
und malen. Wir haben keine Kinder, sagt sie. Ging nicht. Aber wir
langweilen uns nicht, sie hebt das Kinn an, als müsse sie sich
verteidigen, dann steht sie auf. Ich will euch nicht aufhalten. Ihre
Locken sind aufgelöst, die Strähnen hängen feucht herab, sie sieht älter
aus als gestern. Albert sagt, danke für die Kerzen. Linda nickt,
vielleicht könnt ihr sie ja brauchen, wäre nicht der erste Stromausfall in
diesem Dorf. An der Tür dreht sie sich noch einmal um. Keine Sorge, sagt
sie, wir kümmern uns um euch.
Als das
Wetter auch am nächsten Tag nicht aufklart, beschließen sie, zum dreißig
Kilometer entfernten Meeresmuseum zu fahren. Das Dorf ist nicht weiß an
diesem Morgen; es ist grau und von einer dunklen Wolkendecke überspannt,
die keinen Strahl durchlässt und keine Wärme. Die langen Blätter der
Palmen werden gezaust, die Läden haben ihre Markisen eingefahren und die
Auslagen nach innen geräumt. Die Stühle des Cafés sind gegen die Tische
gelehnt und strecken ihre gusseisernen Beine von sich. Ein Mann in einem
langen Kittel rennt über die Kreuzung, in jeder Hand eine Milchpackung.
Sie biegen auf die Landstraße ein, fahren durch schroffe rote Felsen, die
Straße ist eine Rinne, durch die das Auto wie eine Murmel gleitet. David
und Ellen streiten sich kurz, dann schweigen sie und wenden die Köpfe ab,
um sich bis zum Ende der Fahrt nicht mehr anzusehen.
Die
einzigen Lichtquellen sind die Aquarien, große Scheiben, aus denen heraus
es leuchtet. Ellen steht vor dem Becken mit den Kaiserfischen, jeder Fisch
ist flach wie ein Diskus und hat zwei zipfelige Flossen. Sie presst ihr
Gesicht gegen die Scheibe, der schönste der Fische (mit blauem Kopf und
gelb kariertem Bauch) schießt auf sie zu und weicht dann ruckartig nach
rechts aus. In einem anderen Aquarium schwebt ein Seepferdchen vorbei, das
eine lange rüsselartige Schnauze hat und acht Flossen, die wie die Blätter
einer Rose geformt sind. Es gibt kugelige Fische und solche, die an
auffällige Broschen erinnern. Albert erzählt den Kindern, was er über die
Fische weiß; es ist nicht viel. Irene geht in einen Raum, in dem sich
außer ihr nur ein alter Mann befindet, der auf der Steinbank rechts der
Tür mit auf die Brust gesunkenem Kinn schläft. Wenn sie sich in den
Scheiben spiegelt, sieht es so aus, als lebte auch sie in der
Unterwasserwelt, als strecke die Seeanemone ihre zahllosen Finger nach ihr
aus, fordernd und unheimlich, als schauten sich die mageren Röhrenaale,
die senkrecht aus dem Boden ragen, suchend nach ihr um. Als sie die Haie
betrachtet, ihre hellen Bäuche, die ruhelosen Blicke, überkommt sie die
Erinnerung wie ein heftiger Stoß vor die Brust.
Das ist
mehr als Betrug. Das ist gemeiner als gemein. Die Müdigkeit. Die Scham.
Und, mit irritierender Gleichzeitigkeit, eine jähe Freude.
Im
Rechteck weißen Lichts stehen, nach Luft ringen, kraftlos vor Verlangen.
Während
sie im Museum waren, muss ein Gewitter niedergegangen sein. Auf dem
Parkplatz liegen Äste herum, die sie bei ihrer Ankunft nicht bemerkt
hatten, und es gibt Pfützen an Stellen, wo vorher keine waren. Die
Dämmerung hat eingesetzt, eine gelbliche, ins Braune sinkende Dunkelheit.
Ein Zittern liegt in den Kronen der Bäume, eine letzte Vibration, ein
Nachbeben. Es ist dunkel, als sie ins Dorf zurückkommen. Sie parken das
Auto neben dem Haus. Im Garten stehen Peer und Linda, sie winken, und
Ellen schnaubt und hebt unwillig die Hand, um auch zu winken. Was machen
die denn schon wieder hier?, fragt Irene leise. Peer trägt einen schwarz
glänzenden Regenmantel und Turnschuhe, seine Beine sind nackt. Die
Regenjacke von Linda ist gelb, beide haben die Kapuzen über die Köpfe
gezogen; sie hängen ihnen weit in die Stirn und machen ihre Gesichter
klein. Wir dachten schon, ihr wärt abgereist, sagt Peer. Kamen gerade hier
vorbei und haben in alle Fenster geschaut, aber nirgends war Licht. Ihr
solltet immer ein Licht anlassen, unterbricht Linda ihren Mann, sonst wird
vielleicht noch eingebrochen. Tja, sagt Albert, da habt ihr wohl recht. Er
lächelt und nickt einige Male. Linda sagt, schlimmes Wetter, ich bin ganz
durchgefroren. Sie schüttelt sich, ich werde bestimmt krank, hab' so was
im Gefühl. David steht an der Haustür und ruft, schließ doch mal einer
auf! Wollt ihr mit reinkommen?, fragt Irene, und Peer sieht fragend zu
Linda, die den Kopf zur Seite legt, einen unschlüssigen Kussmund macht und
einmal kurz mit den Schultern zuckt. Na, warum nicht, sagt Peer, aber nur
auf einen Sprung.
Die
Hitze kommt unvermittelt zurück, sie fällt auf das Dorf, auf seine von
Schlamm befleckten Mauern, die braunen Rinnsale, die zerrissenen Girlanden
in den Nationalfarben; sie ist so stark, als müsse sie die zwei
verschenkten Tage wiedergutmachen. Albert ist mit den Kindern im Wasser.
Sie haben eine Luftmatratze dabei, und Irene kann ihre Rufe hören, ihr
Lachen. Sie liegt am Strand, ihr Atem geht flach, ihr Herzschlag ist so
langsam wie der eines großen Tieres. Das gleichmäßige Heranrollen der
Wellen, die Wärme auf ihrem Bauch, der Sand, der sich den Formen ihres
Körpers anpasst. Sie muss eingeschlafen sein; sie befindet sich in einem
Zimmer, dessen dunkler Boden zu schwanken scheint. Vor dem Fenster steht
ein Mann, sie sieht die Umrisse, kann aber sein Gesicht im Gegenlicht
nicht erkennen. Sie glaubt zu wissen, wer es ist; sie ruft seinen Namen,
doch er reagiert nicht. Sie geht auf ihn zu, der Boden gibt unter ihren
Füßen nach, sie läuft langsam und ungeschickt wie auf einer Turnmatte, es
ist Winter, die Stadt vor dem Fenster ist fremd und klamm, sie sagt, da
bin ich (und denkt, was für ein Satz, was für eine Feststellung: eine
Forderung oder eine Selbstaufgabe, in die sie all ihr Wollen, ihr ganzes
Leben setzt).
Als sie
die Augen öffnet, sieht sie ein Gesicht im Blau des Himmels. Hast du
gehört?, sagt Peer, nicht einschlafen. Sie lächelt, und er setzt sich
neben sie. Ist Albert im Wasser?, fragt er. Irene nickt und richtet sich
auf. Da hinten! Sie zeigt auf das Wasser, aber sie kann Albert und die
Kinder nicht sehen. Wo?, fragt Peer. Da waren sie eben noch, sagt Irene.
Sie blickt auf den Strand, der fast leer ist, und es gibt einen Moment
lang die Möglichkeit, dass sie verlassen worden ist, oder dass es all das
(ihre Kinder, Albert, das Haus) nie gegeben hat, dass einzig der Mann
existiert, von dem sie geträumt hat. Peer sagt, da ist niemand. Er legt
ihr eine Hand auf das Bein, sie betrachtet ungläubig seine Finger auf
ihrem Oberschenkel, seinen Handrücken. Zieh dir lieber etwas über, sagt
er, du bist schon ganz rot. Er steht auf, sieht sie nachdenklich und ein
wenig belustigt an und sagt, Linda, als verbinde ihn und Irene ein
gemeinsames Wissen, das mit diesem Wort abgerufen werden könne; als würde
der Spott, den er in seine Stimme legt, auch Irenes Spott sein, als
betreffe er sie und ihn und Linda. Sie wartet sicher schon, sagt Irene,
und Peer nickt und lächelt und dreht sich im Weggehen noch einmal um, ohne
seinen Schritt zu verlangsamen. Ellen rennt über den Sand und weicht Peer
aus, der bei ihrem Anblick stehen bleibt; in einer Hand hält sie ein Eis,
das sie Irene entgegenstreckt. Hast du uns schon gesucht? Sie lacht, du
hast uns sicher schon gesucht und gedacht, wir wären ertrunken! Und hast
du gewusst, dass es hier Quallen geben soll, die die Haut verbrennen, wenn
man sie berührt?
Albert
weiß mehr als Irene. Er weiß, dass er sie liebt, und dass das nicht
selbstverständlich ist nach zwölf Jahren. Er sagt, ich werde dich immer
lieben, und: Ich kann dir verzeihen, aber du musst es auch wollen. Er
liegt auf dem Bett und sieht Irene an, die auf dem Sessel am Fenster sitzt
und den Kopf in die Hände legt, mit einer Dramatik, die ihn erst
erschreckte und jetzt ärgert. Ich mache es nicht mit Absicht, sagt sie.
Ihre Stimme ist leise, ein Murmeln von tief unten; es kann sein, dass es
jeden Moment versiegt und er gar keine Antwort mehr bekommt. Sie hebt den
Kopf und sieht aus dem Fenster. Rate mal, wer kommt, sagt sie matt, und
Albert fragt, was um alles in der Welt wollen die von uns? Er steht auf
und beugt sich über Irenes Schulter, um in den Vorgarten zu schauen. Peer
und Linda haben das niedrige Tor geöffnet und gehen auf das Haus zu; Ellen
und David sitzen in der Hollywoodschaukel, Ellen stößt sich mit einem Fuß
vom Boden ab und nickt den Besuchern kurz und ohne zu lächeln zu. Irene
kann sehen, wie Peer auf sie zugeht, wie sie aufsteht, wie er mit ihr
spricht und ihr einen Umschlag gibt. Sie sind Bluthunde, die das Unglück
riechen und ihre Opfer verfolgen wie angeschossene Tiere, denkt sie. Sie
kann sich nicht wünschen, anders gehandelt zu haben, daran wird auch
dieser Urlaub nichts ändern. Unten wird die Haustür geöffnet und Ellen
schreit, eine Feier, ihr seid eingeladen!
In der
Nacht betrachtet Irene Albert, der neben ihr liegt, den Mund leicht
geöffnet, manchmal gibt er ein Seufzen von sich, manchmal sagt er ein,
zwei undeutliche Worte. Sie legt eine Hand auf seinen Bauch und spürt das
Heben und Senken, sie denkt, man sollte nicht im Mai heiraten, sie denkt,
ich gehe langsam zugrunde, oder er, und dass es ein Rätsel gibt, das, wenn
man es lösen kann, verrät, wen man wirklich liebt, und Albert schlägt die
Augen auf, so plötzlich, als habe er gar nicht wirklich geschlafen. Was
ist?, fragt er. Nichts, flüstert sie, gar nichts, und er wird wieder
einschlafen und sich am nächsten Morgen nicht erinnern können.
Linda
trägt ein quergestreiftes Kleid, das sie molliger und kleiner erscheinen
lässt, als sie ist. Der Hut auf ihrem Kopf ist aus Bast, an einem
violetten Band sind Stoffblüten befestigt, Rosen, Nelken, eine
dickblättrige Lilie; ihr Gesicht ist geschminkt, auf ihre Wangenknochen
hat sie je einen Klecks Rouge aufgetragen und zu zwei länglichen Striemen
in die Wangen hinab gezogen, die Lider schillern grün, eine Schicht Puder
ist über die Farben gelegt, sodass ihre Haut staubig aussieht. Sie dreht
sich um die eigene Achse; Irene und Albert bleibt nichts anderes übrig,
als zu klatschen und ihre eigenen Kostüme – eine gelbe Tunika, die Irene
in der Taille mit einer Kordel zusammengeschnürt hat, und zwei taubengraue
Badetücher, die Albert als Turban und Umhang trägt (ein arabischer Fürst,
hatte Ellen erklärt) – mit einer ähnlichen Geste vorzuführen. Sehr schön,
sagt Linda, ihr habt also etwas zum Verkleiden gefunden! Irene sieht erst
jetzt, dass Linda an den Füßen nichts trägt außer einigen silbernen Ringen
an den Zehen und je zwei Reifen um die Fessel, die bei jedem Schritt ein
Klirren von sich geben. Ja, sagt sie. Auf der Einladungskarte hatte
gestanden: Um Verkleidung wird gebeten. Es war Ellen gewesen, die sich die
Kostüme für sie ausgedacht hatte, und sie war es auch gewesen, die sie
beruhigt hatte, dass sie auf David würde aufpassen können. Wir haben keine
Angst, hatte sie gesagt und ungeduldig auf ihre Eltern geschaut, die in
ihren Verkleidungen auf dem Bett saßen und zögerten, das Haus zu
verlassen. Geht schon!
An den
Wänden hängen Bilder, die nur aus Farbflächen zu bestehen scheinen, und
das Porträt einer Nackten, die sich dem Betrachter über die runde Schulter
zuwendet, der Blick auffordernd und ein wenig spöttisch. Das Esszimmer ist
voller Menschen; Albert ist nicht der einzige, der einen Turban trägt,
aber es gibt auch originellere Kostüme: einen Ritter mit paketbrauner
Papprüstung, eine orientalische Tänzerin mit einem Rock aus Vorhangstoff,
eine Squaw, die sich die langen Haare mit Bändern umwickelt und zu einer
Fontäne hochgebunden hat. Irene geht zum Esstisch, auf dem eine Reihe von
Speisen bereitstehen, Gläser, Flaschen und eine Schale mit Eiswürfeln, die
schon in sich zusammensacken. Sie nimmt sich ein Glas Sekt und trinkt es
durstig aus. Ein Mädchen mit blauen Augen und blassen nackten Armen ist
neben sie getreten, sie hebt eine der Weinflaschen gegen das Licht, dann
sieht sie Irene fragend an, und Irene nickt und hält ihr das leere Glas
hin. Das Mädchen gießt den Wein ein, Irene trinkt und blickt sich suchend
um. Sie kann Albert nicht finden. In einer Ecke des Esszimmers sieht sie
eine Frau und einen Mann. Der Mann ist jung, sein Haar ist militärisch
kurz geschnitten, er hat ein mageres Gesicht mit einer kräftigen Nase,
einer flachen, hohen Stirn und eng stehenden Augenbrauen, dunkel und
pelzig wie Raupen. Die Frau ist älter als der Mann. Weil sie klein ist,
muss sie den Kopf in den Nacken legen, wenn sie mit ihm spricht. Um den
Hals trägt sie eine Kette aus bunten Papierblumen. Irene hört die empörte
Stimme der Frau und sieht den Mann antworten, sie ahnt plötzlich, dass aus
dem Gespräch ein Streit werden könnte, die Frau verstummt, sie senkt den
Kopf; es sieht so aus, als gebe sie auf, oder so, als sei sie schuldig.
Als
Irene sich umdreht, steht Peer hinter ihr. Er ist weiß angezogen, nicht
eigentlich verkleidet, nur seine Hände stecken in Latexhandschuhen, wie
sie ein Chirurg tragen würde; er deutet mit einem Kopfnicken auf das Paar
in der Ecke und sagt leise, das kann nicht gut gehen, oder was meinst du?;
und als sie nicht antwortet, sagt er, hast du sie gesehen? Sie folgt
seinem Blick und entdeckt zwischen den Menschen Linda, die mit dem Rücken
zu ihnen steht. Eine Blume an ihrem Hut hat sich gelöst und droht im
nächsten Moment über den Rand der Krempe zu fallen. Sie sieht aus wie ein
dickes Bonbon, sagt Peer. Er klingt verächtlich und so, als habe Linda ihn
enttäuscht. Ein rundes, gestreiftes Bonbon. Aber nein, sagt Irene. Sie ist
erschrocken über den Verrat, doch da ist noch etwas anderes, eine boshafte
Freude, die Bereitschaft zu einer Gemeinheit. Komm, sagt Peer und zieht
sie vom Tisch weg, ich zeige dir was. Seine Hand im Handschuh fühlt sich
weich und glatt an; Irene denkt an eine Echse, an die pulsende Haut eines
Salamanders. Wo gehen wir hin?, fragt sie. In den Garten, sagt Peer,
brauchst keine Angst zu haben. Er redet mit ihr wie mit einem kleinen
Mädchen, dem er eine Überraschung präsentieren will. Irene lässt sich von
ihm aus dem Esszimmer ziehen, sie stößt gegen Rücken und Arme, sie
entschuldigt sich im Weitergehen. Im Garten lehnt sich ein Mann gegen den
Stamm des Affenbrotbaumes, er blickt der Terrasse entgegen, als warte er.
Peer zieht sie weiter, bis sie am Ende des Gartens einen Schuppen
erreichen, um den er sie herumführt. Er macht einen Schritt auf sie zu,
sein Gesicht nähert sich ihrem, eine dunkle Strähne fällt ihm in die
Stirn, er ist bedrohlich und im nächsten Augenblick lächerlich, wie eine
Kippfigur oder ein Vexierbild; und Irene sieht an ihm vorbei auf die
Lichter eines Hauses, das sie einen Moment lang für ihres hält. Was willst
du denn?, fragt sie unwillig, und Peer tritt einen Schritt zurück und
sagt, du musst dir nichts einbilden, weißt du. Aus seiner Hosentasche
zieht er ein Päckchen Zigaretten und zündet sich eine an. Vom Haus her
dringt Musik zu ihnen, ein langgezogener kläglicher Laut, der von einer
Reihe schneller Klavierläufe abgelöst wird. Irene lehnt sich gegen den
Schuppen und sieht Peer an; sieht, wie er an der Zigarette zieht, wie
seine weiße Kleidung schimmert im Dämmerlicht, sie hört das Geräusch, das
entsteht, als er sich mit dem Handschuh über die Haare fährt. Was soll man
machen?, sagt Peer, ich mag dich halt. Er sieht sie abwartend an. Und du
bist unglücklich, das merkt man, sagt er dann, und Irene beginnt zu
lachen, leise erst, dann lauter, als ihr klar wird, wie dumm Peer ist (so
dumm, dass er nichts von seinem Zufallstreffer ahnt), und wie richtig das
ist, was er sagt. Es gibt die Möglichkeit, sich zu ergeben; es gibt die
Möglichkeit, diesen Mann, dessen Alter sie nicht einschätzen kann, der
zwischen vierzig und sechzig sein kann, dessen Haare vielleicht gefärbt
sind, in diesem unnatürlichen Schwarz, das ihn trotz der Sonnenbräune
blass erscheinen lässt, diesen Mann, der seine Frau verrät und der Irene
mit den simpelsten Tricks beeindrucken will, zu küssen, es gibt sogar die
Möglichkeit, mit diesem Mann, dem sie und Albert verschiedene Spitznamen
gegeben haben (il Dottore, der General), zu schlafen, im Schuppen oder im
Gebüsch, schnell und achtlos wie zwei Hunde; es könnte sie heilen, denkt
sie, indem es alles entwertet; es könnte sogar Spaß machen, sie müsste
sich und ihn nur für einige Minuten vergessen können und aufhören, sich
von außen zu betrachten. Was ist, fragt er, warum lachst du? Er gibt ein
schnaubendes Geräusch von sich, das wie der Auftakt zu einem Lachen
klingt, dem er aber kein Lachen folgen lässt. Was ist so komisch? Irene
zuckt mit den Schultern. Nichts, sagt sie, eigentlich ist gar nichts
komisch. Sie legt den Kopf zurück und schließt die Augen. Wenn ein Tier
die Kehle darbietet, appelliert es an das Mitleid des Gegners; ob er das
weiß? (Aber sie selbst weiß nicht, ob sie Schonung will oder die Annahme
ihres Opfers.) Wenn er jetzt spricht, ist seine Stimme sehr nah. Er
flüstert, er sagt ihr Nettigkeiten. Sie will nicht hören, dass sie schön
sei und er sie seit ihrer ersten Begegnung begehrte, sie hat den Eindruck,
dass ihr schlecht würde, wenn er von Liebe spräche oder von Schicksal. Er
muss sich nicht sorgen, dass sie aufhören könnte, ihn zu mögen; sie hat
ihn nie gemocht. Er versteht nicht, dass das der Grund ist, warum sie mit
ihm schlafen wird. Dass sie hofft, die Dinge so wieder ins richtige Maß zu
bringen, das Körperliche auf seinen Platz zu verweisen (vom Platz zu
verweisen, denkt sie), als eine Sache, die passieren kann, aber nichts
bedeutet. Sie ist jetzt schon schön, sagt Peer, sie kommt ganz nach dir.
Er spricht von Ellen, und es ist, als würde er Irene in ein Becken mit
Eiswasser tauchen. Sie sagt, ich muss gehen, sie stößt sich von der Wand
ab, sie geht zwischen den Farnen entlang, er schickt ihr ihren Namen
hinterher wie einen verirrten Schuss, sie stolpert über einen Stein und
kann sich im Fallen noch halten, sie beginnt zu laufen, auf das Haus zu,
dessen Fenster buttergelbes Licht ausstrahlen, der Affenbrotbaum steht
verlassen in seinem Rondell, die schwarzen Früchte hängen wie erschlaffte
Ballons an den Zweigen, auf der Terrasse kann Irene Albert erkennen, der
sich suchend umschaut; sie fühlt sich, als komme sie nach einer langen
Reise zurück, aber noch weiß sie nicht, ob sie alles so vorfinden wird,
wie sie es verlassen hat, ob ihre Kinder unversehrt sind, die sie alleine
in einem fremden Haus zurückließ, in einem Haus, von dessen Balkon sie
sich hinabstürzen, dessen hölzerne Wände in Flammen aufgehen können,
dessen Ecken und Kanten und Fallgruben sie nicht kennen. Lass uns gehen,
sagt sie, als sie, außer sich vor Angst, Albert erreicht, der sich
inzwischen den Turban abgenommen hat und so aussieht wie immer; lieber,
lieber Albert, denkt sie. Sie verabschieden sich hastig von Linda, die
ihren Hut mit der nur noch an einem Faden hängenden Lilie in die Hand
nimmt und ihnen hinterherwinkt. Und sie rennen die paar Schritte zu ihrem
Ferienhaus, halten sich an den Händen, sie lachen heiser und wie
erleichtert auf, als sie das Haus erreichen, das führerlose Schiff, in dem
ihre Kinder schlafen, der Dunkelheit ausgeliefert, dem nächsten Tag
entgegentreibend, nichts ahnend von Gefahr.
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