Wir haben uns vor einigen
Monaten ein Bild gekauft. Es ist drei Meter lang, gut einen Meter hoch
und besteht aus massivem Holz. Vor einer blau-grünen Landschaft sind
seltsam zerrupfte Vögel zu sehen. Das Bild stammt aus den sechziger
Jahren. Der Maler, ein Schweizer, war damals hoffnungsvoller Nachwuchs
und ist heute nur noch dafür bekannt, dass er einmal eine
Faschingsplakette entworfen hat. Wir hatten das Bild in einer Galerie
entdeckt. Es stand bescheiden gegen die Wand gelehnt, die Vögel
guckten uns würdevoll an, wir waren sofort begeistert.
Ein Freund half uns, das Bild mit einem Handwagen von der Galerie nach
Hause zu schieben. "Mal sehen, ob es uns da gefällt", hatten wir zum
Galeristen gesagt. "Okay", hatte er gesagt. "Wir bringen es sonst
zurück", sagten wir, und der Galerist sagte: "Na, sicher."
Schon auf dem fast einstündigen Heimweg war uns klar, dass wir das
Bild nicht zurückbringen würden. Zuhause hängten wir es ins
Wohnzimmer. "Toll!", rief ich. "Großartig", sagte mein Mann. "Hmm",
machte unser Freund.
So ist es seitdem geblieben: Wir lieben das Bild und sonst liebt es
niemand. Weil die Schweizer aber höflich sind, tun sie so, als sähen
sie es nicht. Bei den Ausmaßen des Bildes ist das einigermaßen
schwierig. Eine deutsche Freundin rief, als sie das Wohnzimmer betrat:
"Habt ihr das selbst gemacht?" Ein spanischer Freund sprach von Mut.
Die einzige, die das Bild außer uns mag, ist eine Zürcher Künstlerin,
die für ihre experimentellen Videos bekannt ist. Das hat uns ein
bisschen ermutigt.
Gestern war ich in einer Ausstellung von jungen Künstlern und bei
vielen Exponaten ging es mir wie unseren Besuchern: Ich stand davor
und mir fiel nichts ein. An einer weißen Wand stand zwanzigmal "Je ne
veux pas", dazwischen Blumen, Handumrisse, der Satz "So what do we
do". Auf einem Spiegel am Boden lagen Hände aus Wachs und ein Haufen
Äste. In einem Video sang eine Frau, die wie Marilyn Monroe aussah,
"Happy birthday". Auf einem anderen Video erzählten Einwanderer aus
Kolumbien von ihren Nöten. Weil sie illegal hier sind, sah man nie die
Köpfe. Ich rang mit mir. Blieb extra lange vor den Sachen stehen, die
mir nichts sagten. Betrachtete sie von allen Seiten. Ich wurde
unglaublich müde.
Kunst, sagte Bruce Nauman, der große Konzeptkünstler, vor kurzem in
einem Interview, sei oft ein Kampf. Ich weiß jetzt, was er damit
meint.