Hase
 

Vor ein paar Tagen saß ich auf einer Bühne in Stuttgart und diskutierte mit drei Autoren und einem Lektor darüber, ob man literarisches Schreiben lernen kann oder nicht. Nach der Diskussion meldete sich ein Mann aus dem Publikum. Er hatte graue längere Haare und trug Kleidung, die deutlich jünger aussah als seine Haare. Er sagte: „Eines will ich mal sagen.“ Er sagte: „Es gibt Hunderttausende von gut bezahlten Märchenerzählern  in Deutschland.“ Ich dachte: Gut bezahlt? „Die Pfarrer “, sagte er, und ich dachte: Ach so. Dann sagte er, dass alle Pfarrer nichts taugten. Weil Glauben könne man nicht lernen. Ebenso wenig wie Schreiben. Und so gut wie Van Gogh schreibe ohnehin niemand mehr. Ich dachte: Van Gogh? Briefe habe der geschrieben, die seien so verflucht wahr, sagte der Mann, so tief empfunden, so was könne man nicht lernen. Dann fragte er, was denn die Lektoren könnten. Ob die nicht alle eigentlich gar nichts könnten. Spätestens da war klar, dass er selbst schon ein paar Sachen geschrieben hatte, die verflucht wahr und tief empfunden waren und die trotzdem niemand drucken wollte. Der Lektor auf der Bühne schaute ergeben vor sich hin, und die Moderatorin sagte: „Weitere Fragen?“
Am nächsten Morgen sah ich mitten in der Stadt ein Kaninchen. Es saß auf einer Verkehrsinsel und graste im kargen Grün. Der Taxifahrer  sagte: „Kommt sicher aus dem Schlosspark.“ Das Kaninchen hatte hellbraunes Fell, nachtdunkle Augen und lange Ohren mit schwarzen Spitzen. Es hatte die Insel geentert, ein Robinson unter den Hasen. Der Autolärm schien es nicht zu stören. Ich klopfte gegen die Scheibe. Das Kaninchen hob den Kopf und schaute so ergeben wie der Lektor am Abend zuvor. Dann wurde die Ampel grün und wir mussten weiterfahren.
Der Taxifahrer kam aus Prag und hatte Locken wie Gene Wilder. Sein Akzent war so schön, dass  ich ihn am liebsten nachgemacht  hätte. Wir überlegten, ob das Kaninchen jemals lebend von seiner Verkehrsinsel runterkommen würde. Wahrscheinlich nicht, fanden wir. Zu viel Verkehr. Zu kleines Kaninchen. Als wir am Bahnhof ankamen, sagte der Taxifahrer: „Wird schon klappen.“ Er war viel netter als die Taxifahrer in Zürich.