Fußball

Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ist ja nicht das beste, und ich habe das Gefühl, dass auch ich daran nicht ganz schuldlos bin.
Vor vierzehn Jahren war ich ins Schweizer Fernsehen geraten. Der Anlass war die Fußball-Weltmeisterschaft 1994. Die Schweiz hatte sich das erste Mal seit dreißig Jahren wieder für eine Endrunde qualifiziert und spielte nun gegen Rumänien. Mit Freunden saß ich in einer Kneipe in Bern, um das Spiel zu sehen, der Spielstand war zwei zu eins für die Schweiz, die Stimmung entsprechend gut. Plötzlich wurde ich in helles Licht getaucht, ein Mann hielt mir ein großes gelbes Mikrofon vor den Mund und sagte etwas Unverständliches. Ich blinzelte erschrocken. Ein Freund übersetzte: "Ob dir das Spiel gefällt." "Ja", sagte ich. "Doch. Durchaus." Der Reporter fragte wieder etwas, und eilig erklärte der Freund: "Ob du glaubst, dass es noch weitere Tore geben wird."
Nun wäre es sicher gewagt, mich als Fußballexpertin zu bezeichnen. Tatsächlich gibt es etliche Bereiche, in denen ich mich nicht, aber immer noch besser auskenne als im Fußball. Telefontarife zum Beispiel. Kleinkunst. Vogelstimmen. "Tja", sagte ich. Ich überlegte. Das Spiel war schon in der zweiten Halbzeit. An Stelle der Spieler wäre ich langsam mal müde gewesen. "Wohl eher nicht", sagte ich. Wieder fragte der Reporter etwas, und diesmal verstand ich es. Wenigstens glaubte ich das. "Nein", sagte ich. "Ich bin Deutsche."
Manchmal ist es schön, der Anlass für Heiterkeit zu sein. Manchmal nicht. Besonders dann nicht, wenn man es nicht beabsichtigt hat. Als meine Freunde endlich nicht mehr lachten, erklärten sie mir, dass der Reporter nicht gefragt hatte, ob ich Schweizerin sei, sondern ob ich mich über einen Sieg der Schweiz freuen würde. Leider konnte ich nichts mehr klarstellen. Der Reporter war samt Kameramann weitergezogen. Wahrscheinlich um einen der Umstehenden nach den drei hässlichsten Deutschen zu fragen.
Fußball ist ohnehin das Minenfeld in den deutsch-schweizerischen Beziehungen. So sehr man sich in normalen Zeiten auch miteinander arrangiert, so sehr bricht zu Fußballzeiten seitens der Schweizer ein geradezu archaischer Hass gegen die Deutschen auf. Der Vorwurf des unverdienten Glücks ist da noch der mildeste. Ich erinnere mich an das Spiel Deutschland gegen Südkorea, das wir zu dritt in der Wohnküche eines Freundes schauten: er, ich und Rita, eine Berner Juristin und Hobbykommunistin, die ihrer Aversion gegen Deutschland freien Lauf ließ, während ich mich langsam aus der Küche zurückzog. In gewisser Weise war ihr Verhalten wohl als spätes antifaschistisches Engagement gemeint. Im Jahr darauf heiratete sie einen Orthopäden und das Foto von Karl Marx wanderte vom Büro in den Flur, wo es zwischen Klo und Bad hing.
Natürlich steckt Neid hinter der Ablehnung, das geben die Schweizer  freimütig zu. Die hiesige Fußballmannschaft ist nicht eben für ihre Erfolge bekannt. Vor kurzem wurde errechnet, dass Portugals Superstar Christiano Ronaldo einen Transferwert hat, der fast so hoch ist wie der der gesamten Schweizer Fußballmannschaft. Nur Österreich und Polen wären noch billiger zu haben. Umso trotziger stehen die Schweizer nun zu ihrem Land. T-Shirts, Kappen, Handtücher, Klappstühle mit dem Schweizer Kreuz gibt es überall zu kaufen. Der Mars-Riegel nennt sich einen Monat lang Hopp, was von "Hopp Schwiiz" kommt und als Aufmunterung gedacht ist. Im Supermarkt gibt es Fußballstadion-Backformen, Fußball-Hamburger und Euro-Armbänder zu kaufen. Ein Optiker auf der Fanmeile am Zürcher Bellevue-Platz bietet EM-Kontaktlinsen an: die Käufer blicken damit durch ein Schweizer Kreuz. Und überall an Balkonen, Schrebergärten, Bäumen und Autos hängen Fahnen.
Gestern lag plötzlich eine kleine Flagge auch in unserem Garten, rot leuchtend wie eine Erdbeere, heimatlos wie ein ausgesetztes Welpen. Wir stellten sie probehalber in einen Blumentopf. Sie flatterte träge im Wind, gehemmt durch das Blattwerk der Klematis. Nach zwei Minuten nahmen wir sie wieder raus, gingen mit ihr zum Fahrradständer und klemmten sie an ein fremdes Fahrrad. Zum Fahnenbesitzer ist man entweder geboren oder nicht.
Heute ist der erste Tag der Europameisterschaft und es steht ein Spiel der Schweiz auf dem Plan. Das ist der Grund, warum es zwischen mir und meinem Mann zu einigen Diskussionen kam. Ich habe nämlich die Einladung zu einer Feier angenommen. "Kann man da das Match sehen?", fragte mein Mann, und ich musste zugeben, dass ich das nicht garantieren kann. Der Kompromiss, den wir gefunden haben, sieht nun so aus, dass wir erst das Spiel anschauen und dann zur Feier gehen. Wir werden vielleicht die spätesten Gäste sein, und wenn alles kommt, wie es zu erwarten ist, wird einer von uns sehr schlechte Laune haben.
Dabei kann mein Mann noch froh sein, dass er überhaupt ein paar Spiele sehen kann. Es hätte ihm nämlich auch wie unserem Freund Urs ergehen können, der während der Europameisterschaft zum Zivilschutz muss. Der Zivilschutz ist so etwas wie der deutsche Zivildienst, nur dass man ihn nicht an einem Stück ableistet, sondern über Jahre hinweg immer wieder für ein paar Wochen einberufen wird. "Da muss ich dann die Kotze der Besoffenen wegwischen", stöhnte Urs. "Und zum Dank kann ich nicht einmal die Spiele sehen." "Ich schaue mir auch keine Spiele an", sagte ich, und Urs sagte: "Das ist ja wohl was anderes."
Natürlich hat er recht. Aber er versteht nicht, wie sehr ich mich nicht auf die EM freue: Halb Zürich wird im Verkehrschaos versinken, ein Haufen Männer wird in unserem Wohnzimmer sitzen, Fußball schauen und Wutanfälle bekommen, der Hund wird schuldbewusst umherschleichen, da er sich für jeden Groll verantwortlich fühlt, und keiner wird für Deutschland sein. Außerdem wird die Freizeitplanung unendlich schwierig. Niemand hat Zeit, und wenn man ausgehen will, muss man das alleine tun, es sei denn, man geht in eine der Strandbars, in denen vierhundert Menschen auf einem Haufen Feinsand sitzen, auf eine Großleinwand schauen und so tun, als befänden sie sich am Meer. Echte Alternativen sind rar, wie die Website der EM-Verweigerer zeigt: "Erlernen Sie Origami." "Versuchen Sie, ein Berimbau herzustellen." "Streichen Sie den Briefkasten neu an." Das klingt fast so verzweifelt wie der Vorschlag, Anagramme zu machen. Aus dem Ausspruch "Ich hasse die Euro" werde so ganz rasch der Fluch "Oede Ischias Hure". Und aus "Doofer Fussball" "Farblose LSD-UFO". Na ja.
Immerhin habe ich für den Tag des Finales schon etwas vor: dann nämlich soll mein Kind zur Welt kommen. Wahrscheinlich werde ich ziemlich alleine im Kreißsaal sein. Von irgendwoher werde ich Pfiffe hören, Schreie, Grölen, das Hupen von Autos. Dann und wann wird ein Arzt oder Pfleger vorbeischauen und mir mitteilen, wie der Spielstand ist. "Sie machen das toll", werden sie sagen. "Nur noch die Verlängerung, und es kann kommen." Aus lauter Frust werde ich ein paar Namen von der Liste möglicher Kindsnamen streichen. Miroslav zum Beispiel. Michael, Bastian, Lukas, Jens. Und Joachim. Auf keinen Fall wird das Kind Joachim heißen.