Seit einigen Tagen haben
wir jetzt keinen Fernseher mehr, und was soll ich sagen: Es geht uns
großartig. Statt Abende lang auf dem Sofa zu liegen und irgendwelche
Filme zu schauen, liegen wir jetzt Abende lang auf dem Sofa und
spielen Karten. Die Bücher, die wir unbedingt lesen wollen, türmen
sich neben uns, manchmal blättern wir kurz ein wenig darin herum,
lesen zwei, drei Seiten und gucken dann in die Richtung, in der
früher unser Fernseher stand. Ohne Fernseher hat man viel mehr Platz
im Wohnzimmer. Und in einer Stadt wie Zürich kann man kulturell ja
sehr viel unternehmen. Gestern gab es in einer Kneipe in unserer
Straße eine Abendveranstaltung: "Wozu lachen?" Es gehe, war auf dem
Plakat zu lesen, um die Frage nach Sinn und Wirkung des Lachens. Wir
sind in die Oper gegangen. Händel. Wir haben kein einziges Mal
gelacht.
Ich kann mit dem Fernseher nicht gut umgehen, das war der Grund für
seine Verbannung. Ich weiß, dass es viele sehr gute Sendungen gibt.
Aber ich schaue auch den Rest. Reportagen über den Alltag von
Gerichtsvollziehern. Über Prominente. Über Leute, die sich
verschuldet haben, weil sie Versandhauskatalogen nicht widerstehen
können. Kürzlich über ein junges Mädchen, das sich die Brüste
vergrößern lassen wollte und dem das Geld dazu fehlte. "Warum ich?",
fragte es weinend in die Kamera. Die Mutter fragte das gleiche. Sie
war hohlwangig und hatte die Augen schwarz umrandet, sie sah aus wie
ein Gespenst. Die Operation wurde dann doch gemacht.
Überhaupt ist man ja im Fernsehen seit einiger Zeit sehr häufig mit
aufgeschnittenen Körpern und Gesichtern konfrontiert. Wahrscheinlich
wird heute kein Medizinstudent mehr ohnmächtig, wenn er seine erste
Leiche sezieren muss. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. In
Holland gibt es eine neue Sendung: "Baby zu mieten". Junge
kinderlose Paare können sich für einige Zeit ein Baby ausleihen, um
zu sehen, ob ihnen so was liegt. Auf dem gleichen Sender läuft auch
das Informationsprogramm "Spritzen und Schlucken" über verschiedene
Praktiken des Sex- und Drogenkonsums.
Im Schweizer Fernsehen geht es dagegen vergleichsweise kontemplativ
zu: In der Sendung "Donnschtig-Jass" sieht man eineinhalb Stunden
lang Menschen beim Kartenspielen zu, für die Musik sorgt eine
Ländler-Combo, und die Moderatorin, die gesund wie eine
Wurstverkäuferin aussieht, läuft herum und sagt "Er spielt den
König" oder "Jetzt gilt's".
Ich vermisse meinen Fernseher.