Letzte Woche war
ich auf dem Geburtstagsfest von Tom, dem Sohn einer
Freundin. Er wurde sechzehn. Auf der Feier waren eine ganze
Reihe Mädchen, die aussahen wie achtzehn, und viele Jungens,
die wie die kleinen Brüder der Mädchen wirkten und sich an
ihren Colabüchsen festhielten. Irgendwann kam die Rede auf
die Internetplattform Facebook. „Was“, sagte einer der
Jungens, „die kennen Sie nicht?“ Tom sah mich mit einem
flehenden Blick an. Gut möglich, dass ich nicht sehr
informiert wirkte. „Doch, doch“, sagte ich vage. „Aber
Mitglied sind Sie nicht“, stellte der Junge fest, und ich
sagte: „Noch nicht.“
Seit ein paar Tagen bin ich jetzt auf Facebook registriert.
Ich habe bereits siebzehn neue Freunde gewonnen. Mehr als in
den letzten drei Jahren. Es ist ganz leicht. Man schreibt
einfach jemandem, dass man mit ihm befreundet sein möchte.
„André Vonlanthen möchte mit dir befreundet sein“, hiess
eine Meldung, die ich bekam. Ich kenne keinen André
Vonlanthen. Aber wenn schon mal jemand mit mir befreundet
sein will. Auf seinem Foto kann man André nicht erkennen,
weil er gegen das Licht fotografiert wurde. Er läuft gerne:
jeden Tag zehn Kilometer. Dafür braucht er 53 Minuten,
manchmal 55. Ausserdem verschickt er Smilies an seine
Freunde und hat gerade seinen Job gewechselt. „Do anything
to André“, fordert die Plattform. Ich soll ihm ein Bier
geben oder einen Schneeball. Oder ihn umarmen.
„Du nimmst das viel zu persönlich“, sagte Tom. Er selbst hat
247 Freunde. Es ist wahrscheinlich einfach ein sprachliches
Problem. Für mich sind Freunde Freunde. Für Tom sind Freunde
Kontakte. „Und was bringen die ganzen Kontakte?“, fragte
ich, und Tom sah mich so mitleidig an, wie ich früher meine
Eltern, wenn sie feststellten, dass die Diskotheken zu einer
Zeit öffneten, zu der normale Menschen ins Bett gingen. Ich
bin gerade 37 geworden. Vielleicht dauert es jetzt nicht
mehr lang und ich sage, dass früher alles besser war.
Einer meiner neuen Freunde ist ein Gegner von Off-Roadern.
Er fragt, ob ich auch dagegen sein will. Ein anderer
verschickt immer Videos mit Spässen der „Versteckten Kamera“
und Fotos seiner Katze Simba. Ein dritter ist Fan der
Wighnomy Brothers. Die Wighnomy Brothers sind zwei DJs aus
Jena. Docteur Nan aus Las Vegas schreibt über sie: „Metawuffmischfelge,
wow shit!” Ich weiss nicht, ob das englisch oder deutsch
sein soll oder beides. Ich könnte mir die Musik mal anhören.
Ich könnte Fan werden. Ich könnte Docteur Nan fragen, ob er
mit mir befreundet sein will.