Am Montag saß ich
beim Abendessen einem Mann gegenüber, der den ganzen Abend
lang nur ein Wort zu mir sagte: „Mastig“. Ich bin nicht
sicher, ob er damit den Wein meinte. Neben mir saß ein Mann,
der sehr unterhaltsam war. Er war so was wie die
Wiedergutmachung.
Wir waren zehn Personen. Zuvor waren wir bei einer Lesung
gewesen und nun von den Veranstaltern zum Essen eingeladen
worden. Zum Abschluss der Lesung hatte sich der Autor bei
allen bedankt, die seine Bücher seit vierzig Jahren lesen. Das
war nett. Danach musste er trotzdem noch signieren.
Signieren ist eine schwierige Sache, besonders wenn die Leute
mehr wollen als Name und Datum. Nach einer Lesung aus meinem
ersten Roman kam einmal eine Frau zu mir. Sie bat mich, etwas
Aufmunterndes für ihre Tochter Corinna ins Buch zu schreiben.
Corinna war gerade von ihrem Freund verlassen worden. Ich
überlegte ziemlich lange. „Liebe Corinna“, schrieb ich
schließlich. „Es geht auch wieder bergauf.“
Da war ich fast so ermutigend wie Paulo Coelho. Im „Spiegel“
hat sich letzte Woche die Schauspielerin Veronica Ferres als
Fan von ihm geoutet. Das Buch ihres Lebens, schrieb sie, sei
der Roman „Elf Minuten“ von Coelho. Der Roman handelt von der
bildhübschen Hure Maria, die nie mit dem Herzen bei der Sache
ist, bis sie den jungen und überaus attraktiven Ralf Hart
trifft. Dieser ist ein begnadeter Maler, aber fast noch mehr
ein Philosoph, darum sieht er sofort ihr „Leuchten“. Maria
erlebt echte Leidenschaft und erkennt, dass Geld nicht alles
ist.
Bei der Lektüre dieses Romanes habe sie, sagt Veronica Ferres,
„immer wieder Passagen“ gefunden, die sie übertragen
könne „auf die Sinnsuche im Leben“. Unter anderem hat dazu der
Satz gehört: „Leben ist wie Steilwandklettern“. Weil man auch
da „etwas riskieren, hinfallen und wieder aufstehen“ muss.
Wobei es an einer Steilwand ja ratsam wäre, nicht zu fallen.
Vielleicht wäre das auch ein Buch für den Mann, der nach
meiner letzten Lesung zu mir kam. „Sie sind kalt“, stellte er
fest. „Sie haben kein Gefühl.“ „Ah ja“, sagte ich. „Typisch
Rheinländerin“, sagte er. Er selbst sei Westfale. „Darum“,
erklärte er, „klappt das mit uns nicht.“ Er war gut siebzig
und stark angetrunken. Am Abend im Hotel fand ich einen Brief,
den er mir zugesteckt hatte. „Schreiben Sie bloß nie Lyrik“,
stand da. „Sie brauchen einfach mal einen richtigen Mann.“
Was soll man da sagen? Das Leben ist halt wie
Steilwandklettern. Aber am Ende, soviel steht fest, sieht man
nur mit dem Herzen gut.