Deutsche & Schweizer

Die Schweizer mögen die Deutschen nicht, wurde ich von Freunden gewarnt, als ich 1994 zum Studium in die Schweiz zog. Ich sagte, dass man, wenn es danach ginge, als Deutscher wohl für immer zuhause bleiben muss.
Innerhalb der ersten drei Wochen wurde ich viermal zum Käsefondue und einmal zu Pferdesteak eingeladen. Nach vier Wochen kannte ich unzählige Leute, außerdem war ich zu meiner Überraschung Redakteurin einer Fachzeitschrift für Handarbeitslehrer geworden. Nach fünf Wochen hatte ich die erste Wanderung hinter mir, bei der wir furchtbar lange bergauf stiegen und dann inmitten zudringlicher Kühe picknickten. Nach sechs Wochen war ich aus dem Studentenwohnheim aus- und in eine WG eingezogen. Wenn mir abends Bekannte begegneten, küssten sie mich dreimal und fragten Sachen wie, bisch zwäg? und, gömmer eis go zieh?, und ich nickte, auch wenn ich nichts verstand, und meistens ging man dann etwas trinken. Kurz: Ich mochte die Schweiz, und sie mochte mich.
Mehr als 200 000 Deutsche leben inzwischen in der Schweiz, sie führen hier die jährlichen Einwanderungsstatistiken an. Den Deutschen kommen die Schweizer höflich aber unterkühlt vor, die Schweizer finden die Deutschen rüpelhaft und herrisch. Es kommt also zu Missverständnissen. Vor allem auch in der Sprache: "Nicht schlecht" bedeutet in der Schweiz „großartig“, "noch gut" ebenfalls, und "Ich habe dich gern" ist im Berndeutschen ein ekstatisches Liebesgeständnis. Mehr an Emotionen zu erwarten, wäre falsch. Das sollte man wissen, wenn man in die Schweiz kommt, ebenso dass man hier einander immer und überall "Gesundheit" wünscht, auch fremden Leuten die Tür aufhält und gar nicht oft genug "merci" sagen kann.
Trotz wochenlangem Schweizerdeutschkurs ist auch mein Freund Henning vor kurzem ein Opfer der Sprache geworden.  Zum Mittagessen traf er sich mit einer Schweizer Kollegin, die eine Reihe von Einkaufstüten bei sich hatte. Unter anderem, erklärte sie, habe sie Finken gekauft. "Finken?", rief Henning. "In einer Plastiktüte?" Die Kollegin nickte. "Hol die da raus", forderte Henning. "Hier?", fragte die Kollegin irritiert, aber Henning ließ nicht mit sich handeln: "Sofort." Ich weiß nicht, wie die Hausschuhe aussahen, die sie schließlich aus der Tüte holte, ganz gut, meinte Henning später, Samt mit einem kleinen Emblem vorne drauf. Warum die Schweizer ihre Hausschuhe Finken nennen, wussten wir beide nicht zu beantworten. Immerhin: Zwar essen Schweizer gerne Fohlen, die Vögel aber lassen sie in Ruhe.