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| Nichtschwimmer (Auszug) Es klingelt. Einmal lang, gleich darauf kurz. Durch den Spion kann sie sein Gesicht sehen. Sie wird ihm nicht öffnen. Er beugt sich nach vorne, sein Kopf berührt die Tür, er sagt: Mach auf. Er spricht nicht laut, er muss wissen, wie nah sie ist. Er sagt: Sita, sei so lieb. Aber sie lehnt ihren Kopf gegen die Tür. Wenn sie die Tür auch nur einen Spalt öffnet, wird er seinen Fuß zwischen Tür und Türrahmen stellen. Er ist aus London angereist, um das zu tun. Er hat ihr nicht gesagt, dass er kommen würde, aber sie hat es gewusst und darauf gewartet, dass er klingelt und sie ihre Köpfe gegen die Tür lehnen, jeder auf seiner Seite. Sie hat zu Boris gesagt, sie werde nicht öffnen. Sie hat gesagt: Ich lasse ihn nicht rein. Boris hat sie verständnislos angesehen: Er ist doch dein Bruder. Simon, hatte er sich gemeldet. Kein Nachname, als riefen am Abend nur Freunde an. Oder Freundinnen. Sie sagte, Sita hier, und dann sagten sie beide für einige Sekunden nichts, und sie konnte ihn atmen hören. Das ist eine Überraschung, sagte er dann, er rief es fast. Er war aufgeregt, nicht ängstlich. Sie hatte keinen Akzent feststellen können. Sie mochte seine Stimme. Simon sagte: Wenn du kommst, zeige ich dir die Stadt. Er fragte: Wie lange kannst du bleiben? Nur zwei Tage. Sie habe viel zu tun. Aber zwei ganze Tage. Er sagte: Immerhin. Er lachte. Das nächste Mal dann länger, sagte er. Zwei Briefe hatte jeder von ihnen vorher geschrieben. Liebe Sita. Lieber Simon. Sie hatte gelacht, als sie seinen Namen las. Simon, Simone. Nicht sehr einfallsreich, hatte sie gedacht. Sie hatte geschrieben: Du hast recht, wir sollten uns kennen lernen. Ich habe nie einen Bruder gehabt. Sie hatte geschrieben: Ich habe eine Schwester. Sie ist älter als ich und sehr schön. Wir sehen uns nicht ähnlich. Ich habe keine Hobbys, hatte sie geschrieben, ist das nicht furchtbar? Ich gehe am Morgen zur Arbeit und am Abend wieder nach Hause. Aber ich bin zufrieden. Er hatte geschrieben, London sei aufregend. Er lebe gerne dort. Seine Freundin arbeite wie er an der Universität. In der Bibliothek habe er sie zum ersten Mal gesehen. Sie habe in Büchern aus dem Archiv geblättert, danach seien ihre Hände staubig gewesen. Am Telefon sagte er: Außer dir habe ich keine Geschwister. Das Licht im Hausflur geht aus. Sie hört, wie er es wieder anknipst. Sie beobachtet, wie sich sein Gesicht der Tür nähert. Jetzt liegen sie Wange an Wange, fünf Zentimeter Holz zwischen ihnen. Wie zwei Magneten, denkt sie. Sie flüstert seinen Namen. Mit der U-Bahn fuhr sie vom Flughafen zum Picadilly Circus, stieg, den Straßenplan in der Hand, einmal um, Richtung Baker Street. Durch die unterirdischen Gänge hasten, das richtige Gleis suchen. Im Gehen nach den Schildern Ausschau halten. Sich einfügen in den Strom der anderen, die sicher und ohne einander zu berühren durch die Gewölbe laufen. Keiner sollte merken, dass sie Touristin war. Ihre Reisetasche war klein, sie hatte nicht viel eingepackt. Ein Nachthemd, Waschsachen, ein Kleid, Unterwäsche, eine Mütze. Sie würde nicht lange bleiben. Soll ich wirklich kommen?, hatte sie ihn am Telefon gefragt, und er hatte gesagt: Warum denn nicht? Sie hatte keine Antwort gewusst. Vielleicht war sie auch deshalb gekommen. Das Hotel war schmal und vierstöckig, ein roter Klinkerbau mit weißlackierter Tür. Auf zwei Säulen ein spitzwinkliges Vordach. In der Mitte der Eingangshalle hing ein Kronleuchter, der zu groß war für den Raum. Rote Samtsessel um ein Tischchen aus Glas und der Blick in einen dämmrigen Garten, aber kein Mensch da. An der Wand neben der Rezeption war eine Klingel, wie an einer Wohnung. Sie wartete. Beugte sich über den Tresen und rief: Hello! Dann drückte sie auf den Klingelknopf. Ein junger Mann trat durch den Vorhang hinter dem Tresen. Er entschuldigte sich, the dog, sagte er und zeigte auf einen kleinen weißen Hund mit braunen Flecken, der hinter ihm durch den Vorhang gekommen war und sich nun auf eine Decke in der Ecke der Rezeption legte. Sita lachte: No problem. Der Hund hatte seinen Kopf auf die Vorderpfoten gelegt und betrachtete Sita gleichgültig, während sie das Anmeldeformular unterschrieb und den Schlüssel entgegennahm. Ihr Zimmer war klein und hoch, zahllose Blumen auf der Tapete, im Bad ein Körbchen, Badeschaum darin, eine Duschhaube, Seife und Nähzeug, daneben eine Schale mit hellgelben Lockenwicklern. Sita zog sich aus und schaltete den Fernseher ein. Dann ging sie duschen. Als sie aus dem Bad kam, war vor dem Fenster das Licht erloschen. Als habe jemand einen Schalter umgelegt. Simon klopft leise gegen die Tür. Er sagt: Ich setze mich jetzt hin. Ich habe Zeit. Sita schüttelt den Kopf. Hau ab! Diesmal hat er sie gehört. Durch den Spion kann sie sehen, wie er der Tür zulächelt. Das helle Haar ist länger geworden, sie erinnert sich, wie es roch. Er sagt: Ich wusste, dass du da bist. Dann setzt er sich auf die Treppe rechts der Tür. 755 Fulham Road. Die Hausnummer ist der Name des Lokals, hatte er gesagt. Groß und silbern standen die Ziffern über dem Eingang, von einer Neonröhre angestrahlt. Sie nannte dem Kellner den Namen, der Tisch stand nahe der Bar. Eine runde Holzplatte, gelbe Blumen, eine Kerze, zwei Gedecke. Sie setzte sich mit dem Gesicht zur Tür. Sie erkannte ihn sofort. Er kam in das Restaurant. Den dunklen Mantel offen, die Schöße wie die angelegten Schwingen eines Vogels. Einen schwarzen Schal um den Hals. Er schob sich die Haare aus der Stirn und sah sich suchend um. Ein Kellner eilte auf ihn zu, klein, mit kurzen braunen Haaren. Die weiße Schürze so lang, dass er sie in der Taille hatte umschlagen müssen. Er legte den Kopf schräg und ließ sich den Namen nennen. Dann sahen beide in ihre Richtung, Simon nickte dem Kellner zu und lächelte, unbestimmt, an alle gerichtet. Es hatte zu regnen begonnen, vor dem Fenster bemerkte sie einen roten Schirm. Er hielt ihr die Hand hin, und sie nahm sie. So helle Haare, dachte sie, wie kann denn das sein. Im Hausflur hört sie Schritte. Wenn Boris jetzt käme, denkt sie, würde er sich über Simon wundern. Würde ihn fragen, zu wem er wolle, und wenn Simon dann sagte, zu Sita, würde Boris ihn hereinbitten. Sie käme ihnen schon entgegen. Würde behaupten, sie habe geschlafen. Und sich noch während des Sprechens eine Hand vor den Mund legen und gähnen. Simon würde seine Tasche abstellen. Sie umarmen. Sie würden lachen. Zusammen essen. Boris würde von einem zum anderen schauen, und in der Nacht, wenn alle schliefen, würde sie an Simons Bett schleichen, ihn betrachten, seine Decke bis zum Hals hochziehen. Oder vor der Tür zum Gästezimmer innehalten. Nägel beißen. Die Arme vor der Brust verschränken. Vielleicht kehrtmachen. Nach dem Essen rauchte er eine Zigarette, dann legte er seine Hände vor sich auf den Tisch, verschränkte sie ineinander. Finger wie ihre. Lang und schmal mit breiten, fast quadratischen Nägeln. Sie sah an ihm vorbei in den Raum. Ein Mann, eine Frau am Nachbartisch, die sich gegenseitig von ihrem Essen anboten. Der Kellner, der mit hocherhobenem Kopf über die Gäste hinweg zum Eingang schaute. Schwere Samtvorhänge zu beiden Seiten des Fensters, altmodisch wie Theaterrequisiten. Sie fragte: Willst du meine Familie sehen? Zwei Fotos. Vater, Mutter. Die Schwester. Und sie. Klein, dünn, die Ohren ein wenig abstehend. Sie sagte: Ich war ein Fliegengewicht. Die blonden Haare der Schwester, die blasse Haut, sie wirkt daneben wie eine Zigeunerin. Du siehst deinem Vater ähnlich, sagte er. Sie lachte. Sie würden das oft gesagt bekommen und sich dann zuzwinkern und fragen: Warum auch nicht? Wem sehe ich nicht alles ähnlich, sagte sie. Mir nicht, sagte er. Sie nickte. Aber die Hände. Und die Nase vielleicht, diese stumpfe, etwas zu breite Nase, die an die eines gutmütigen Tieres erinnert. Glücklich sei sie gewesen, sagte sie. Unbeschwert. Und er. Bei den Großeltern aufgewachsen, als Ersatz für den Sohn. Der sich gefreut hatte, Vater zu werden, und es dann nicht mehr erlebte. Nicht unglücklich sei er gewesen, aber viel allein, nachdem die Großmutter gestorben war. Da war er zwölf. Und der Großvater allmählich vergesslich. Erzählte ihm die gleichen Geschichten immer wieder, Geschichten vom Hunger, von der Kälte, wie sie Kohlen gestohlen hatten, mit kirchlicher Erlaubnis. Schickte ihn Medikamente holen, die er schon hatte, und er steckte das Geld ein und kaufte sich Süßigkeiten in der Bäckerei. Lachte manchmal über den Großvater, machte ihn nach, wenn er mit Freunden am Bahnhof stand und auf den Bus in die Stadt wartete. Wie er sich schneuzte, sich weit über den Tisch beugte beim Essen, wie er die Brille suchte, die ihm an einem Band um den Hals hing. Mit vierzehn dann wurde Simon ein Vormund gestellt. Meine Großeltern waren meine Eltern, sagte er. Sie sitzt auf dem Boden, lehnt sich gegen die Tür. Sie stellt sich vor, wie er an der Wand sitzt, manchmal seine Position ändert, weil ihm ein Bein einschläft. Wie er seinen Kopf zwischen die Knie legt und den Linoleumboden betrachtet. Sie denkt: Endlich ist er da. Aber sie wird nicht öffnen. Die Rechnung war gekommen, er hatte darauf bestanden, sie einzuladen, und sie verließen das Restaurant. Weil sie keinen Schirm hatten, liefen sie hintereinander, dicht an den Hauswänden. Manchmal blieb sie stehen. Versuchte, in ein Fenster hineinzusehen. Stellte sich vor, hier zu leben. Als sie eine Straße überqueren wollte, griff er nach ihrer Hand und zog sie zurück auf den Bürgersteig. Sie hatte in die falsche Richtung geschaut. Das Auto fuhr so dicht an ihnen vorbei, dass ihre Hosenbeine nass wurden. Erst als sie auf der anderen Straßenseite waren, ließ er ihre Hand los. Sie setzte eine ernste Miene auf: Jetzt gehöre sie ihm. Er schaute sie fragend an. Weil du mir das Leben gerettet hast, sagte sie. Er lachte, legte ihr einen Arm um die Schultern. Bevor er sie loslassen konnte, fasste sie nach seiner Hand, die auf ihrem Oberarm lag. Verschränkte ihre Finger mit seinen. Dachte kurz: Was tu ich da. Er musste sich zwischen den Leuten hindurchdrängen, um zu ihrem Tisch zu kommen, in jeder Hand ein dunkles Bier. Sie stießen die Gläser gegeneinander. Er sei neunzehn gewesen, als sie plötzlich angerufen habe, seine Mutter. Ihre. Er lachte, als sie ihn unterbrach: Sag nicht Mutter. Der Ausdruck sei bereits vergeben. Wie soll ich sie denn sonst nennen?, fragte er. Bei ihrem Namen, sagte sie. Also: Grit. Er habe gesagt: Ich freue mich, deine Stimme zu hören. Erstaunlich ruhig. Er habe die Musik leiser gestellt und sich einen Stuhl ans Telefon gerückt, die Füße gegen die Kante des niedrigen Tisches gestemmt, eine Zigarette angezündet. Grit habe ihn treffen wollen, sie komme nach Berlin. Auf dem Alexanderplatz werde sie stehen, Freitag, um halb sechs, vor der Weltzeituhr. Sie werde sich eine Zeitung unter den rechten Arm klemmen, die Washington Post. Er lachte. Kapriziös sei sie gewesen. Eitel. Mit jedem Passanten habe sie Blickkontakt gesucht. Und ihn umarmt, als sie ihn entdeckte. Den Tränen nahe. Aber nett. Sie sieht aus wie du, sagte er. Sita nickte. Mag sein. Irgendwann wolle auch sie sie treffen, aber es eile nicht. Wütend sei sie nicht, sogar dankbar, weil doch alles gut gekommen sei. Nur nicht neugierig genug. Im Hintergrund hörte sie einen Betrunkenen singen, God save our gracious Queen, long live our noble Queen. Andere fielen ein. Simon lachte. Ein Fußballspiel, sie haben gewonnen, sagte er, deshalb. Simon, sagt sie. Und lauter: Simon. Er fragt: Machst du jetzt auf? Sie kann hören, wie er lächelt. Sie sagt: Nein. Im Hausflur ist es dunkel. Und wahrscheinlich kalt, denkt sie. Sie legt ihren Mund an den winzigen Spalt zwischen Tür und Rahmen. Sie ruft: Du solltest wirklich besser gehen! Ja, sagt er, aber ich bleibe. Frierst du nicht?, fragt sie. Doch, sagt er. Seine Stimme ist lauter geworden. Wahrscheinlich hält auch er seinen Mund an den Türrahmen. (...)
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