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Die Wohnung ist geräumig, hell und geräumig. Neben zwei großen Zimmern gibt es einen kleineren, mit einem Diwan, bunten, an den Armlehnen abgewetzten Sesseln, einem flachen Tischchen und einem Fernseher ausgestatteten Raum, dessen großes Fenster den Blick freigibt auf die Straße, auf der sich jetzt, am späten Nachmittag, die Autos zu einer einzigen Kolonne reihen. Es gibt ein Badezimmer, eine Toilette und eine Küche, in der um einen hellen Holztisch herum sechs Stühle stehen, die Küchenwände sind bis in Schulterhöhe gestreift, gelb-weiße Bahnen verlaufen vertikal bis zur Fußleiste, nach oben hin sind sie begrenzt durch eine Bordüre mit Blumenmuster, blau, rot, gelb und grün, darüber ist die Wand weiß. Eines der beiden großen Zimmer wäre meines; noch steht nichts darin außer einem Wäscheständer, auf dem Hemden, Unterwäsche und Handtücher hängen und den Raum mit dem Duft von Waschpulver erfüllen. 

Robert ist groß, ein Meter dreiundneunzig, erklärt er, als ich ihn frage, und wenn ich neben ihm stehe, muss ich nach oben schauen, um seine Augen zu sehen, die wegen der Schlupflider kleiner aussehen als sie sind. Du bist also Klara, hat er gesagt, als ich geklingelt hatte und er die beige gestrichene Tür öffnete, und ich habe entgegnet, und du also Robert, und so standen wir voreinander, haben uns die Hand gegeben, und ich weiß noch, dass ich in dem Moment dachte, wie gut es ist, dass Robert lange braune Haare hat, die ihm fast bis auf die Schultern reichen, und dass er beim Lächeln zwei gleichmäßige Reihen kleiner Zähne entblößt, beinahe Milchzähne, war es mir durch den Kopf gegangen, und dann hat er den rechten Arm von sich gestreckt, in den Flur hinein gewiesen und gesagt, ich zeige dir alles, und ich bin ihm gefolgt, an der Garderobe aus schwarzem Metall vorbei, an der nur zwei Jacken hingen - ein Blouson und eine Regenjacke -, vorbei an dem rechteckigen Spiegel, der meine Beine in den Jeanshosen, meine Haare, meinen Arm, die linke Hand zeigte, und Robert hat die Tür zu einem Zimmer geöffnet, Parkett, hat er gesagt, und Rauhfasertapete, einfach nur Rauhfaser, ich hoffe, das ist in Ordnung, und ich habe genickt und geantwortet, Rauhfaser ist toll.

Robert tunkt den harten Keks in den Kaffee und erklärt mir, dass der Keks nur so genießbar sei, du beißt dir sonst die Zähne aus, sagt er und lacht, als ich den Keks so lange in den Kaffee tunke, dass er auseinanderfällt und ich die Bröckchen mit dem Löffel aus der Tasse fischen muss. Seine Haare sind ein wenig strähnig und die Augen sind dunkel, ein dunkles Grün tippe ich, aber sie liegen tief, und allzulang hineinsehen kann ich nicht. Wenn er mit mir spricht, beugt er sich über den Tisch. Er erzählt von seinem Studium, seinen früheren Wohnpartnern, seiner Vorliebe für französische Musik, Jacques Brel, Les négresses vertes, er fragt mich, was ich arbeite, wie alt ich sei, gefällt dir die Wohnung, aber auch: Hast du ein Lieblingstier, welche Musik magst du, bevorzugst du Pfirsiche mit gelbem oder weißem Fruchtfleisch, wie oft im Monat sollte man deiner Meinung nach staubsaugen, wurdest du schon mal von einem Freund verraten, und ich beantworte alle Fragen, ohne vorher zu überlegen, und dann frage ich ihn, und auch Robert antwortet, ohne lange nachzudenken. Einmal verstummen wir, er wendet seinen Blick von mir ab, sieht die Wand an, den Abreißkalender, der daran hängt und auf dem das heutige Datum und eine Reihe von Namen stehen - Dolores, Felivius, Otbert, Paula, Potentinus, Simplicius -, und Robert scheint sich im Anblick der Namensheiligen zu verlieren. Im Profil ähnelt er mir, beide haben wir eine lange schmale Nase, mit einer kleinen, fast runden und wie angesetzt aussehenden Spitze, die beim Sprechen zuckt; es gibt Momente, da bedauere ich, dass ich ihn nicht immer schon kannte, und manchmal sagt er dann etwas, das ich irgendwann einmal genauso gedacht habe. 
Als ich mit der U-Bahn nach Hause fahre, schmerzt mein Magen, wer weiß, denke ich, ob ich ihn so bald wiedersehe. Ich hätte einfach beharrlich in der Küche sitzen bleiben sollen, während Robert um mich rum gelaufen wäre, hinter meinem Rücken gespült, gekocht und telefoniert hätte, womöglich wäre er ausgegangen, und wenn er am späten Abend heimgekommen wäre, ein wenig nach Bier riechend und nach Rauch, hätte ich immer noch in seiner Küche gesessen, zwei Wochen lang, bis ich sicher gewesen wäre, ihn zu kennen und das Zimmer bekommen zu können, und erst zu diesem Zeitpunkt wäre ich nach Hause gegangen, hätte alle meine Sachen gepackt und vielleicht wäre ich dann zu Robert zurückgekehrt.

Am nächsten Abend ruft er mich an. Alle anderen Interessenten seien nun da gewesen. Sie sind durch die Zimmer gelaufen, erzählt er, haben auf den Sesseln Probe gesessen, haben die Stühle in der Küche zur Seite gerückt, um die Bordüren an der Wand anschauen zu können, die bunten Blumen, die sich in einer langen Bahn ineinanderwinden, und die, so erklärt Robert, nicht von ihm, sondern von der Vormieterin stammen, aber, fügt er hinzu, er wisse sie zu schätzen, gerade weil sie so altmodisch seien. Sie haben gelauscht, sagt er, ob der Straßenlärm zu laut sei, einer habe sich auf den Boden gelegt, nach unten gehorcht, später ein Ohr an die Wand gehalten, zu hellhörig, habe er dann erklärt und sei sofort gegangen, ohne noch Bad und Toilette anzuschauen, vier jedoch hätten Interesse gehabt, doch ich möchte, sagt Robert, dir das Zimmer anbieten, was meinst du? Und ich sage ja, nicke dabei, lächele ihm zu, was er nicht sehen kann, und dann sage ich noch einmal ja, und dass ich so schnell wie möglich einziehen möchte und Robert antwortet, schön, und fragt, ob ich Hilfe brauche, und wir verabreden, dass wir gemeinsam den Umzug machen wollen, er und ich, nächsten Samstag, und vielleicht, sage ich, hilft noch ein Freund. Ein Freund?, fragt Robert, und ich sage, ja, ein Freund.


Am frühen Nachmittag fängt es an zu regnen. Die Regentropfen werden gegen das Fenster neben meinem Schreibtisch geweht, wo sie wie krabbelnde Fliegen umherrutschen, bevor sie mit konfuser Zielsicherheit zu kleinen Rinnsalen zusammenlaufen und längliche Bahnen über das Fenster ziehen, die durch jeden neuen Regentropfen in ihrem Lauf gestört werden können. Wenn man das Fenster öffnet, riecht es trotzdem nach Sommer; hinter einer riesigen grauen Wolke blitzt es weiß und blau, und der Himmel sieht aus, als ob er es nicht so meine. Ein Sommerregen, sagt Tobias, als er von einem Kunden wiederkommt und sich im Empfangsraum die Haare ausschüttelt, und dass es warm sei, erzählt er, warm, aber eben auch nass, und wie zur Bekräftigung hält er seinen Trenchcoat mit beiden Händen weit von sich und schlägt ihn ein paar Mal aus, bevor er ihn auf den Garderobenständer hängt. 
Seit zwei Uhr hat niemand angerufen. So ist das oft am Freitag, für die meisten unserer Kunden und Geschäftspartner scheint da schon das Wochenende begonnen zu haben, vielleicht sind sie noch im Büro, aber in Gedanken schon beim Segeln, Wandern oder Nichtstun, und nur, wenn es etwas wirklich Dringendes zu erledigen gibt, rufen sie noch am Freitagnachmittag bei uns an und wirbeln die Stille in unseren Büros durch ein Klingeln auf, aber heute passiert das nicht, es klingelt kein einziges Mal mehr, die Architekten verhalten sich ruhig in ihren Zimmern, nur manchmal höre ich einen von ihnen telefonieren. Wenn ich in der Bewegung innehalte und lausche, kann ich das saftige Geräusch der Autos auf dem nassen Asphalt hören.
Wie wäre es nachher mit einem Feierabend-Drink?, fragt Falk, als er um kurz nach vier durch den Empfangsraum läuft, um einen Ordner zu holen, ‹Bungalows 1987-1988› steht darauf, und ich tue so, als müsse ich überlegen, ein Drink, frage ich, du und ich, nur wir zwei?, dabei verlassen wir seit unserem ersten gemeinsamen Abendessen oft zusammen das Büro, um in einer Bar, nicht weit von hier, ein oder zwei Gläser White Russian, Marguerita, Bloody Mary, Martini oder Mohjito zu trinken, und Falk lacht auch nur und sagt, ja, schon klar, um halb fünf, in Ordnung?

In der Bar ist unser Platz am Fenster besetzt und Falk macht eine trotzige Geste, gespielte Verzweiflung in der Stimme fragt er ungehalten, was nun?, und ich flüstere ihm tröstend zu, schau da drüben, da sind ja noch vier Tische frei. Aber nicht unserer, beharrt er, doch ich schubse ihn ein wenig in Richtung eines freien Tisches, direkt neben dem Tresen, und Falk lässt sich von mir zum Sessel dirigieren, dessen Lehne mit rotem Samt bezogen ist, während die Sitzfläche schon fadenscheinig rosa schimmert. An der Decke hängen Girlanden und einzelne runde Laternen aus gelbem und blauem Papier, eine Feier, sagt die Kellnerin gelangweilt, als Falk fragend auf die Dekoration deutet, vorgestern, ergänzt sie, die ganze Belegschaft. 
Falk ist sofort bereit, beim Umzug zu helfen, sicher habe er Zeit, sagt er, wann immer ich wolle, ich solle nur sagen, wann ich ihn brauchte, und er komme unverzüglich, sofort, beteuert er und lächelt gewinnend, und es geht mir durch den Kopf, was wäre, wenn ich ein Geburtstagsfest machte, eine Einweihungsfeier, ein Neubeginn, und als ich es ausspreche, stimmt Falk sofort zu, ja, ruft er, mach das, ich helfe dir bei allem, und so beschließen wir, dass er am Wochenende zu mir kommt und gemeinsam mit mir, meinem Vater und Robert den Umzug macht, vier Stunden, schätze ich, müssten reichen, ich habe ja nicht so viel, überlege ich, und Falk sagt lachend, holde Jugend, unbeschwert von jeder Last. 

Wir können nicht vorbeigehen an den türkischen Imbissbuden, die ihre Verkaufstheken zur Straße hin mit hellem Neonlicht beleuchten. Manche von ihnen habe kleine Tische aufgestellt, bunte Stehtischchen, in Form überdimensionaler Getränkedosen, aus deren Mitte je ein Sonnenschirm herauswächst, und an die man sich lehnen kann, wenn man eine der Teigtaschen isst, die bei jedem Bissen zu platzen drohen. Glück, sagt Falk, während er noch kaut, Glück, sagt er, ist nur dann richtig, wenn es überraschend kommt und unverdient, und ich sage, wenn es verdient wäre, wäre es vielleicht auch gar kein Glück mehr, sondern bloß Erfolg, und genau in dem Moment spüre ich an meinem Bein eine tastende Berührung, und als ich hinunterschaue, sehe ich einen Hund, der den Boden unter unserem Tisch nach Essensresten absucht. Da er offenbar ohne Besitzer unterwegs ist, gebe ich ihm den Rest meines Fladens, und obwohl er eine breite Schnauze hat, flach und faltig, als wäre sie ihm mit einem einzigen, gezielten Fausthieb eingeschlagen worden, nimmt er vorsichtig das Brot aus meinen Fingern, bevor er es mit vorgerecktem Hals hastig zerkaut. 
Den Weg zur Straßenbahn gehen wir hintereinander, an den Hauswänden entlang, denn der Regen, der für ein paar Stunden nachgelassen hatte, hat wieder eingesetzt und plötzlich glauben wir zu wissen, was gemeint ist, wenn man sagt, dass es Bindfäden regnet, weil die Straßen aussehen wie hinter einem Vorhang aus winzigen, auf Fäden aufgereihten Glasperlen, und Falk sagt, jetzt müssten sie nur noch klimpern beim Durchlaufen, aber als wir über die Straße rennen, werden wir bloß nass. Auf der anderen Straßenseite sind unter roten Plastikplanen Stände aufgebaut. Wir betrachten den Schmuck, und ich probiere Hüte und Federboas an. Falks Haare tropfen ihm ins Gesicht, als er den Kopf senkt, sieh mal, ruft er, der Gehsteig hat einen Streifen in der Mitte wie ein Schakal, und dann bückt er sich, und als er wieder hochkommt, hält er mir triumphierend einen Pfennig hin, bringt Glück, meint er, und tatsächlich ist auf der Rückseite ein ‹G› eingeprägt.
Die Straßenbahn steht schon, doch es ist nicht die letzte, und Falk schlägt vor, die nächste abzuwarten und deutet auf die freie Bank unter dem Plastikdach. Meine Wohnung, erzählt er und stützt sein Kinn in die Hand, ist karg möbliert, ich mag die Leere in den Räumen, sie beruhigt mich, doch gemütlich ist es bei mir nicht. Eine Straßenbahn bremst vor uns ab, wartet einige Zeit und fährt dann wieder mit einem Klingeln an. Der Fahrer ist dick. Vom tagelangen Rumsitzen, denke ich. Falk sagt, mit sechzehn Jahren war ich zum ersten Mal verliebt. Es reicht ihm, dass ich die Augenbrauen hebe. Sie war die Freundin eines Freundes, erzählt er, und eines Nachmittags glaubte ich plötzlich, ohne sie nicht mehr leben zu können. Sie hieß Marina, hatte eine zum Himmel schauende Nase und trug an dem Tag, als ich mich in sie verliebte, eine bunte, unter der Brust geknotete Bluse, die sie mich am Abend hinter dem Festzelt, in dem ihr Freund mit seinen Kollegen trank, aufknoten ließ. Ich habe mich an sie gedrückt, sie war warm und verstört, wir haben uns geküsst, dann sind wir wieder ins Zelt gegangen, das Licht war sehr hell, sie hatte striemenrote Wangen, die Blaskapelle dröhnte im Hintergrund, und ich blickte sie an und fühlte nichts. Er sieht mich abwartend an, und darum ziehe ich ein fragendes Gesicht. Ich habe, beginnt er wieder, für sie eine Cola und für mich ein Wasser geholt, die wir im Stehen tranken, dann bin ich nach Hause gegangen. Mit dem rechten Fuß schiebt er eine breitgedrückte Bierdose ein Stück nach vorne und wieder zurück. Wir haben, sagt er, nie mehr miteinander gesprochen. Sieh mal da, Kontrolleure, unterbricht er sich, und deutet auf zwei Männer, die sich ein Handzeichen geben, bevor der eine zur vorderen, der andere zur hinteren Tür geht. In der Straßenbahn bleiben sie stehen und schauen sich mit prüfenden Blicken um. Falk sagt, ich erzähle dir das bloß, weil du noch so wenig über mich weißt, und ich sage, aha, und Falk fragt, ob ich eigentlich wisse, dass der Tasmanische Teufel, wenn er sich paaren möchte, das Weibchen überrumpelt und mit äußerster Brutalität in seinen Bau schleppt, wo die Paarung kurz und unerquicklich vollzogen würde, beide Teufel, erzählt er, haben dabei vor Aufregung und Wut feuerrote Ohren, und ich sage, nein, aber spannend sei das schon, und Falk nickt einige Male und lacht.
Als meine Straßenbahn kommt, verabschieden wir uns. Im hinteren Wagen sitzt außer mir nur eine alte Frau, deren nasse, braune Schuhe zwei kleine Pfützen unter ihrem Sitz hinterlassen haben. Sie beugt sich nach vorne, stützt sich mit der linken Hand auf der Lehne des Vordersitzes ab, ihre Lippen bewegen sich lautlos; grau und vor Feuchtigkeit gewellt, hängen schüttere Haare um ihr Gesicht, das so winzig ist, als hätte es sich im Laufe der Jahre in sich zurückgezogen, um irgendwann, bald schon, ganz zwischen den spitzen Kragenecken des braunen Trenchcoats zu verschwinden. Die Scheiben sind beschlagen, nur die Lichter dringen zu uns herein, bunte Schriftzüge, Schemen von Häusern; und alles nur, weil wir zwei hier drin atmen, denke ich und reibe mit einer Hand ein Loch in den Dunst auf der Scheibe. 

[...]

Wie gleichpolige Magneten stoßen sich die Blätter voneinander ab und wölben sich mit durchgebogenen Rücken weg von der Knospenmitte, um die sich noch Dutzende weiterer Blättchen fest wickeln, aber früher oder später wird sich jedes von ihnen fallen lassen, bräunlich an den Rändern und verblasst in der Mitte, und der Stempel wird verwelkt zurückbleiben. Falk hält den Strauß in der Hand und sagt, zweiundzwanzig, passend zur Feier, und ich lege das grüne Kleid, an das ich gerade den fehlenden Knopf genäht habe, zur Seite, schaue die Blüten an und zähle; zweiundzwanzig, bestätige ich, und Falk meint, ich könne ihm vertrauen. 
Er sitzt neben mir, schön und ein bisschen fremd. Mit der linken Hand fährt er sich immer wieder über sein rechtes angewinkeltes Knie. Er lässt den Tee kalt werden und schaut sich in meinem Zimmer um, sein Blick wandert die Wände entlang; den Fußboden, die Truhe aus dunklem Holz und mit silbernen Beschlägen betrachtet er, eine Seemannstruhe, sage ich, und dass mein Großvater sie mir vermacht habe - das einzige Erbstück, erzähle ich, sonst hat er nur ein paar Bücher und Bilder hinterlassen, einige Hemden mit passenden Krawatten, drei Paar Schuhe und vier Anzüge, allesamt grau, die heute meine Cousine trägt, wobei sie die überlangen Ärmel über die Handrücken fallen lässt -, den weißen Schrank, das Bett schaut er sich an und das Foto an der Wand, auf dem zwei Frauen in fransigen Kleidern zu sehen sind, die eine hat den Arm um die andere gelegt, diese raucht eine in einer langen dunklen Zigarettenspitze steckende Zigarette, im Hintergrund ein Strandhaus aus weißlackiertem Holz, ein Geländer umläuft die gesamte hohe Veranda und ist, setzt man vorsichtig Fuß vor Fuß, wohl breit genug, um darauf zu balancieren, sehr mutig, sehr verwegen, die kleinere der Frauen lacht, unter dem Bild steht: ‹If it were now to die, 'T were now to be most happy›. 
Ja, denke ich, vielleicht ist das das Glück, als Falk mich fragt, bist du glücklich in deiner neuen Wohnung?, und ich nicke nur, und erst nach einer kleinen Weile, in der Falk einen Schluck aus seiner Tasse genommen und mich prüfend über den Tassenrand hinweg angeschaut hat, sage ich, ja, ich glaube schon, und Falk fragt, wegen der Wohnung oder wegen Robert?, und ich spüre, wie ich rot werde, vielleicht wegen beidem, antworte ich mit heiserer Stimme. Aha, sagt Falk, wie schön, und dann steht er plötzlich auf, geht zum Fenster, sieht hinunter auf die Autos, sagt beiläufig etwas Unverständliches auf französisch, und fährt mit veränderter Stimme fort, ich wollte eigentlich fragen, ob ich dir bei der Vorbereitung der Feier behilflich sein kann, aber wie es scheint - er dreht sich vom Fenster zu mir zurück und sein rechtes Auge zuckt - brauchst du mich ja nicht. Ich sage, du hast mir schon so viel geholfen, und dann diese Blumen, doch Falk winkt ab, nicht der Rede wert, greift sich seine Autoschlüssel, die er vorhin auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, umarmt mich kurz und geht zur Tür. Kommst du heute abend?, rufe ich hinter ihm her, und er antwortet gleichgültig, natürlich komme ich, dann hat er meine Zimmertür hinter sich geschlossen und bald darauf die Wohnung verlassen, und ohne dass ich hinunter schaue, weiß ich, dass er in den nächsten Minuten in sein Auto steigen und sich, ohne die geringste Stockung zu verursachen, in den fließenden Verkehr einfädeln wird.
In der Küche bereitet Robert das Essen für heute Abend zu: In einem großen Topf kocht der Erbseneintopf, nach einem Rezept seiner Mutter, und auf dem Tisch stehen Schälchen mit Nüssen, Chips, Flips und Crackern, daneben eine Schüssel voll Salat, und unter den Tisch haben wir die Kästen mit Getränken gestellt. Ist er gegangen?, fragt Robert, während er mit einem langen Holzlöffel im Topf rührt. Ich sage, ja, lehne mich von hinten an seinen Rücken, der nach Waschpulver riecht, und ich denke, dass ich in Zukunft immer, wenn ich frische Wäsche rieche, an Robert erinnert werde, an meinen ersten Besuch bei ihm, an die vergangene Woche, die Nächte in seiner hellgelben Bettwäsche, die jede Nacht ein bisschen weniger stark nach Waschpulver roch, und an das hier: ich an seinen Rücken im blauen Hemd gelehnt, dessen Duft sich mit dem Geruch der Erbsensuppe mischt. Wieviele Leute kommen eigentlich?, frage ich und gähne, und Robert dreht sich zu mir um und küsst mich kurz, vielleicht zwanzig, dreißig, sagt er, und dann schmeckt er die Suppe ab, würzt mit Pfeffer und Salz nach, fragt plötzlich, und die Blumen sind schön?, Falk habe die Rosen hinter seinem Rücken verborgen, doch er habe sie kurz sehen können, sind sie schön?, fragt er noch einmal, und ich antworte, wunderschön, und Robert sagt, ach ja, und lacht leise, und ich lache auch. Er ist nur ein Freund, sage ich, und Robert wiederholt, ein Freund, und summt vor sich hin und sagt, ich weiß.  


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Der Lateinunterricht fällt heute aus. Weil ich überraschend Zeit habe, beschließe ich, mir etwas zu kaufen. In der Stadt gehe ich die Zeil hinunter. Ich bleibe vor allen Schaufenstern stehen und schaue hinein, aber das meiste ist zu teuer. Wenn ich nicht bald mit dem Studium weiterkomme, denke ich, kann ich mir das alles nie leisten. Und dankbar muss ich auch noch sein, für das Geld von meiner Mutter und von Rüdiger, der sich - kaum dass er mir mal fünfzig Mark extra zusteckt - jedesmal in die Brust wirft. Fürs Ausgehen, sagt er und zwinkert dabei. Ich sehe ihn dann vor mir, wie er in der Abendsonne auf dem Schulhof herumhüpft, den Bauch eingezogen, die kurze Hose blauglänzend. Immer wieder springt er die Stufen rauf und runter. Er bewegt die Arme wie eine Marionette. Seine Augen schweifen zu den Jungen rüber, die Basketball spielen. Ein Päderast, denkt man unweigerlich, ein mieser kleiner Kinderficker. Dann nehme ich das Geld und nicke kaum zum Dank, denn das ist alles nur eine kleine Entschädigung.
Am späten Nachmittag gehe ich in den Supermarkt, weil ich, wenn ich mir schon keine Kleider kaufen kann, wenigstens Tortellini essen will, Tortellini mit Käsesahnesoße, ganz plötzlich ist mir die Idee gekommen. Ich hänge mir den Metallkorb mit dem roten Henkel an den Arm und schlendere die Reihen entlang, als sei ich auf dem Markt und liefe von Stand zu Stand. Es ist kein gewöhnlicher Supermarkt, in dem ich hier bin. Er ist im Untergeschoss eines Kaufhauses und nennt sich ‹Lebensart›. 
Das Gemüse ist zu kunstvollen Türmen aufgebaut, lauter unbekannte Früchte gibt es, und Kokosnüsse sind in kleine Stücke geschnitten, die zum Probieren auf einem silbernen Tablett bereitliegen. Ich nehme mir eines. Überall in diesem Supermarkt hängen Spiegel. Darum sehe ich mich durch die Gänge gehen und beobachte mich, wie ich nachdenklich vor den Nudeln stehen bleibe, die Lippen geschürzt, weil mir das gut steht. Wenn ich mich in das Kühlregal beuge, kann ich mich seitlich in einem Spiegel sehen, mein Gesicht mit den langen blonden Haaren direkt neben den Joghurts und der Milch. Ich sehe ziemlich hübsch aus. 
Als ich zur Kasse gehe, liegen in meinem Korb eine 250-Gramm-Packung Tortellini mit Spinat-Ricotta-Füllung, eine Käsesahnesoße, die man nur warm machen muss, ein Paket Reis, ein Toastbrot und eine Packung Watte. In meine Jackentasche habe ich einen Lippenstift gesteckt. Ich bin sicher, dass mich niemand gesehen hat, so beiläufig habe ich den Stift genommen, und direkt danach habe ich nach der Watte gegriffen und sie in meinen Korb gelegt. Trotzdem schaue ich mich um, ob mich jemand beobachtet. Einen Detektiv würde ich bestimmt erkennen. Es wäre ein älterer Herr, der am Arm einen Korb hängen hätte, wie ich, damit man glaubt, auch er sei ein Kunde. Sein Anorak wäre dunkelblau, ein bisschen abgeschabt an den Seiten, und er würde eine Brille tragen, silbern, unmodern, Kassengestell. Zwischen den zögerlichen Handgriffen in die Regale würde er seine Augen schweifen lassen. Zu oft und zu lange würde er sich umblicken. Die Preise der Waren würde er kaum anschauen, und wenn, dann nur zum Schein, kurzer Blick runter und gleich wieder nach oben. Selten einmal würde er einen Artikel in seinen Korb legen.
Neben mir läuft ein Mann durch den Gang. Ich schätze ihn auf Anfang vierzig. Sein Haar ist hellgrau und gewellt, schön sieht das aus. In der rechten Hand hält er einen Korb, in dem nur wenige Waren liegen. Zu wenige, finde ich plötzlich. Seine Jacke ist dunkelblau, aus Wildleder zwar, aber dunkelblau, und gut sieht er aus, eine Brille trägt er auch nicht, aber warum sollte denn auch jeder Kaufhausdetektiv unattraktiv sein und schlechte Augen haben, denke ich plötzlich. Der Mann wendet mir sein Gesicht zu. Ich sehe eine hohe Stirn, helle Augen, ein eckiges Kinn. Er blickt mich an, zu lange, wie ich finde, darum biege ich schnell ab, in einen der Gänge hinein. Da stehe ich nun vor den Videos und schaue auf Pu, der Bär und den American Gigolo, der gut aussieht, ein bisschen wie der Mann, der nun auch in den Gang kommt, langsam, und der mit nachdenklichem Gesicht nach einem Videofilm greift, den Klappentext liest und dabei immer wieder zu mir hinsieht. Ich schaue zurück und weiß, dass er mich erwischt hat. Nicht einmal mehr aus der Jackentasche herausholen kann ich nun den Lippenstift, ohne dass er es sehen würde. Langsam gehe ich zur Kasse und stelle mich an. Aber nein, werde ich sagen, das ist doch mein Lippenstift, hier gekauft, vorgestern, den Kassenzettel habe ich natürlich nicht mehr. Wer hebt schon alle Quittungen auf? Direkt in seine hellen Augen werde ich blicken und mir einbilden, ich sei so hübsch, dass er mich laufen lässt, nachsichtig und ein bisschen wehmütig.
Ich wundere mich nicht, als ich sehe, dass er direkt hinter mir steht. Er riecht gut, wie jemand, der aus dem Kalten ins Warme kommt. Das gefällt mir. Darum drehe ich mich noch einmal um und lächele ihm zu, ein wenig nur, und er lächelt auch. An seiner Hand hängt der Korb, den er bedächtig vor- und zurückschaukeln lässt. 
Die Kassiererin hat gefärbte Haare, am Ansatz ist das Blond herausgewachsen und hat eine dunkle Bahn an ihrem Scheitel hinterlassen. Ihre Lippen sind rosa geschminkt, die Zähne hinter den Lippen sehen gelblich aus, als sie die Summe nennt, die ich bezahlen muss. Während sie mir das Wechselgeld in die Hand zählt, überlege ich, ob sich die beiden kennen. Vielleicht haben sie schon auf einer Betriebsfeier nebeneinander gesessen, der Kaufhausdetektiv und die Kassiererin, und haben einander zugeprostet und sich das Du angeboten. Womöglich haben sie sich sogar auf die Wangen geküsst, zur Bekräftigung. 

Der Mann tut aber so, als ob er die Kassiererin nicht kennt, und auch sie lässt sich nichts anmerken. Ich packe meine Sachen langsam in eine der Gratistüten, die bereitliegen. Dabei sehe ich ein paar Mal zu dem Mann hin. Wurst hat er gekauft, Brot, eine Tüte Hochzeitsnudeln, einen Kugelschreiber und drei Äpfel, jeder einzeln mit einem Klebeetikett versehen, statt dass er sie alle in eine Tüte getan hätte. Er sieht mich an. Ich überlege, wann er mich wohl anhalten wird, noch im Supermarkt, kurz vor der Rolltreppe, oder oben in der Parfümerieabteilung des Kaufhauses. Vielleicht sogar erst draußen, vor den gläsernen Schiebetüren, im warmen Luftzug, der über dem Eingang bläst. Er wird mir, so denke ich, eine Hand auf die Schulter legen. Einen Moment, bitte, wird er sagen und auf meine Jacke zeigen, ich glaube, Sie haben da versehentlich etwas eingesteckt und nicht bezahlt. Mir bliebe nur, zu lügen oder mich zu ergeben.

Beim Hochfahren auf der Rolltreppe schaue ich mich immer wieder um. Ich sehe, wie er seine Waren in eine Tüte packt, wie er der Kassiererin zunickt, und die Tüte, als er zur Rolltreppe geht, von der linken in die rechte Hand wechselt. Er hebt den Kopf, blickt nach oben. Ich merke, wie ich rot werde. Ärgerlich ist das, dass ein Kaufhausdetektiv so gut aussehen darf. Durch die Papierwarenhandlung des Kaufhauses gehe ich und dann durch die Parfumerieabteilung, in der es schwindelerregend nach Moschus und Blumen riecht, aus jeder Ecke quillt der Duft, und die Verkäuferinnen stehen geschminkt herum und sprechen miteinander und schauen manchmal mit blasiertem Lächeln auf die Kunden.
Vor dem Kaufhaus bleibe ich an einem Schmuckstand stehen. Ich stecke mir zwei silberne Ringe an und einen goldenen mit einem türkisfarbenen Stein. In der Fußgängerpassage machen ein Mann und eine Frau Musik. Die Trompete des Mannes ist winzig und das Metall bläulich angelaufen. Die Frau singt. Kein Wort kommt mir vertraut vor. Vor den Musikern tanzt ein Mann in einem rot-schwarz karierten Jackett. Die Arme ausgebreitet wie Segel, stürzt er, wankt er, springt er von rechts nach links, tanzt wie ein Boot bei grober See, kurz bevor es kentert. Die Zuschauer lachen, als er plötzlich innehält, beide Hände an den Kopf legt und sich taumelnd auf den Boden setzt. Eine Zigeunerin geht in langen Röcken zu den Umstehenden und hält ihnen einen Plastikbecher entgegen. Ein paar Leute werfen Münzen in den Becher. Dann kommt er aus dem Kaufhaus. Seine grauen Haare bewegen sich im warmen Luftstrom, und er geht direkt auf mich zu. Entschuldigen Sie, sagt er, würden Sie einen Kaffee mit mir trinken gehen? Ich lege die Ringe zurück, drehe mich zum Detektiv um und frage, wieso? Er lächelt und sagt, das können Sie sich doch sicherlich denken.

Beim Kaffeetrinken hält er die Tasse nicht am Henkel, sondern legt seine Hand um den Rand. Das sieht sehr lässig aus. Wenn er lacht, lässt er manchmal seinen Oberkörper nach hinten, gegen die Stuhllehne, sinken. Ganz entspannt wirkt das und als genieße er das Kaffeetrinken mit mir. Seine blaue Wildlederjacke hat er über den dritten Stuhl an unserem Tisch gelegt. Nun sitzt er mir gegenüber in einem dunkelgrauen Pullover, dessen rechter Ärmel oberhalb des Ellbogens ein kleines rundes Loch hat, wie von einer Motte. Ich frage mich, ob er es bemerkt hat, dieses Loch, durch das seine Haut hell hindurchschimmert. 
Falk heiße er, sagt er, und dass er mich einfach habe ansprechen müssen. Ich weiß, entgegne ich, das ist ja Ihre Pflicht. Er stutzt einen Moment. Und wie ist Ihr Name?, fragt er. Ich nenne Vor- und Zunamen, wahrheitsgemäß, wollen Sie vielleicht meinen Pass sehen?, setze ich hinzu, und Falk lacht, als hätte ich einen Scherz gemacht. Nein, nein, sagt er, lassen Sie ruhig. Wieder wird er von einem Lachen geschüttelt, doch als er sieht, dass ich nicht mitlache, setzt er sich aufrecht hin und räuspert sich. Was machen Sie, fragt er, sind Sie berufstätig? Nein, ich studiere Germanistik. Ach, wirklich, zur Uni gehen Sie, sagt Falk. Ja, sage ich, so ist es. Und, fahre ich langsam fort, da hat man eben wenig Geld, nicht wahr? Er nickt. Und Sie, sind Sie schon lange in Ihrem Job tätig?, frage ich. Falk blickt ein wenig verwundert, dann sagt er, na ja, seit fast fünfzehn Jahren. Und, frage ich spöttisch, macht es Spaß? Er sieht mich zweifelnd an. Ja, meint er, doch, durchaus, ich habe ja immer nur das machen wollen. 
Ich finde das traurig, dass jemand, der so gut aussieht, nichts Besseres vom Leben erwartet, als Detektiv zu werden, Kaufhausdetektiv noch dazu. Ich betrachte Falk, der den Kellner ruft und uns noch zwei Tassen Kaffee bestellt. Und jetzt?, frage ich, als er einen Schluck genommen hat. Was meinen Sie?, fragt er zurück. Ich sage, was haben Sie jetzt mit mir vor, das würde mich interessieren. Falk sieht mich prüfend an. Ein wenig lächelt er, aber schon im nächsten Moment blickt er nachdenklich in seine Tasse, in der der Kaffee torfbraun schwimmt. Würden Sie mich gerne wiedersehen?, fragt er. Aha, denke ich, nun machen wir es also so, ich schlafe mit ihm, und er vergisst dafür meinen Diebstahl. Laut sage ich, ja, gerne. Falk lächelt, trinkt den letzten Schluck Kaffee, holt sein Portemonnaie hervor, legt Geld auf den Tisch und gibt mir seine Visitenkarte. Danke, sage ich, ich rufe Sie an. 
Er nimmt seine Einkäufe. Er hält mir die Tür auf, gibt mir die Hand. Nach einigen Metern dreht er sich noch einmal um. Ich schaue ihm nach, sehe, wie hübsch seine grauen Haare sind, durch die er sich alle paar Minuten mit der Hand gefahren ist, um sie aus der Stirn herauszuhalten. Dann schaue ich seine Karte an, und dort steht, dass Falk Architekt ist. 


*
Obwohl Falk kein Kaufhausdetektiv ist und nichts von meinem Diebstahl ahnt, rufe ich ihn an. Zwei Tage sind seit unserer Begegnung vergangen. Ich wähle seine Nummer und versuche dabei, mich zu beruhigen, damit mein Atem nicht flattert und Falk weiß, wie aufgeregt ich bin. Wir verabreden uns für den Abend, in einem Restaurant in der Innenstadt. Ich stehe lange vor meinem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen soll. Am Ende bin ich ganz in Schwarz gekleidet, von Kopf bis Fuß dunkel, schwarze Bluse, schwarzer Rock, kein Schmuck, nur meine Haare, die bis zur Mitte des Rückens fallen. Schwarz macht älter, hatte meine Mutter früher immer gesagt und blaue und gelbe und lachsfarbene Pullover getragen. 
Falk isst ein Steak, englisch gebraten, wie er es dem Kellner aufgetragen hat. Die Brokkoliknöspchen auf seinem Teller schwimmen in der braunen Soße und die Kartoffeln werden von unten her aufgeweicht. Er lacht mich aus, weil ich nur eine Suppe nehme. Sie müssen doch nicht auf Ihre Figur aufpassen, sagt er, und ich schüttele den Kopf und sage, nein, aber ich bin etwas nervös. Tatsächlich zittert meine Hand ein wenig, wenn ich mir eine Zigarette anzünde. Falk beobachtet mich und meint, Sie sind sehr speziell, Sylvie. Später, als wir beschlossen haben, uns zu duzen, ermahnt er mich, rauch nicht so viel, aber da lache ich nur, mutiger geworden durch zwei Gläser Wein. Falk, Falk, sage ich und spüre dem ungewohnten Namen nach, wie er die Zunge kurz an den Gaumen drückt und dann im Rachen knallt, willst du mir etwa Vorschriften machen - jetzt schon? Er sieht mich nachdenklich an. Lass uns gehen, entscheidet er dann und ruft den Kellner, der mit der Rechnung kommt. Falk bezahlt, geht zur Garderobe und holt unsere Jacken. Beim Rausgehen nickt er dem Kellner zu. Als wir zum Auto gehen, stoßen wir immer wieder mit den Schultern zusammen, so eng nebeneinander laufen wir, dabei ist noch Platz auf dem Bürgersteig, rechts und links sicher noch je ein halber Meter. Aber wir drängeln in der Mitte des Gehwegs, wie zwei Pferde, die sich gegen die Kälte aneinander reiben.

Magst du etwas trinken?, fragt Falk. 
Mit einem Glas Wein in der Hand folge ich ihm. Er geht durch seine Wohnung wie ein Museumsdirektor durch die Ausstellungsräume. 
Das ist mein Wohnzimmer, sagt er und zeigt auf ein langes, hellgraues Sofa, das modern und ungemütlich aussieht. 
Hier ist die Küche, erklärt er mit ausladender Handbewegung in Richtung des Herdes mit der silbernen Abzugshaube darüber und dem hölzernen Messerblock daneben. 
Und hier, fährt er fort, während er mich an Arbeitszimmer, Bad und Toilette vorbei durch den schmalen Flur führt, ist mein Schlafzimmer. 

Wir setzen uns auf den Bettrand. Falk räuspert sich. Er sieht auf den Boden, dann zu mir. Ich lächele ihm aufmunternd zu. Mit einer Hand fasst er in mein Haar und zieht meinen Kopf nach hinten. Küsst mich auf den Mund, leckt über meine Kehle. BEISS DOCH ZU. Steh auf, sagt er. Ich stelle mich vor ihn hin und lasse mir die Strumpfhose und die Unterhose bis zu den Fußgelenken hinunter ziehen. Den Rock hebe ich hoch, wie er es von mir verlangt, die Beine spreize ich, sein Zeigefinger, sein Mittelfinger in mir, er sagt, das ist gut, ich flüstere, ja, und er packt mein rechtes Handgelenk, dreht mir die Hand um, dass ich aufschreie, und sagt spöttisch, nicht so schüchtern. Ich liege auf dem Bett und er beugt sich über mich. Er ist ein riesiges Insekt, das sein Opfer vor dem Verzehr einspeichelt und keine Stelle auslässt, nicht die Kniekehlen, nicht die Fußsohlen, nicht die Zehen, nicht die Möse. Ich wasche dich, sagt er, mit meiner Zunge wasche ich dich, und als er mich gewaschen hat, stellt er sich vor mich hin, zieht sich die Hosen aus und zeigt seinen Schwanz, den er mit einer Hand umfasst, so dass es aussieht, als müsse er ihn bezähmen und sich gleichzeitig an ihm festhalten, sich und mich und das Zimmer, die Wohnung, die Welt dazu, als sei sein Schwanz die Erdachse, um die sich alles dreht, und ich möchte ihn furchtbar finden, seine Selbstverliebtheit, seine Prahlerei. Irgendwo im Haus streiten zwei, die Stimmen sind schrill, ich kann die Worte hören, aber nicht verstehen, und dann ist er in mir, der Schmerz rast mir vom Unterleib bis in den Nacken, mit beiden Händen fasst er meine Hüften, um mich besser dirigieren zu können, jede Entscheidung ist mir genommen, er ändert die Position und stößt, zwischen meinen Beinen kniend, mit aller Kraft zu, ein Schlachtfest, denke ich, und ich bin das Schlachtvieh, und dann komme ich mit einem lauten Schrei, und Falk hält kurz inne, nur um dann schneller und noch fester zuzustoßen, doch diesmal werde ich nicht gleich ganz kalt und fühle mich auch nicht angeekelt von ihm, sogar sein Stöhnen ist mir erträglich. Und als er sich schließlich schwer und feucht gegen meinen Rücken fallen lässt, weiß ich, dass es diesmal anders sein wird als sonst.

*
Es ist so heiß, sagt Klara und bläst ein wenig in den Telefonhörer, ich möchte raus aus der Stadt. Wenn ich einen Schritt zur Seite trete, kann ich mich im Spiegel sehen, den Hörer in der Hand und hinter mir das Fenster zum Hof, die Blätter eines Baumes, ein Stück Himmel, ein spitz zulaufendes Dach. Wie wärs mit Baggersee?, frage ich. Klara sagt, gute Idee, holst du mich ab?
Als ich bei ihr ankomme, steht sie bereits im Vorgarten. Über der Schulter eine Umhängetasche aus buntgestreiftem Bast, in der Hand ein Pappschälchen mit Erdbeeren. Erdbeeren, sagt sie, als sie in den Wagen eingestiegen ist und hält mir die Schale vor das Gesicht. Ich sage, fein.

Am Baggersee liegen etwa zehn Leute in weiten Abständen voneinander, auf Decken und Handtüchern. Nur ein einziger, ungefähr dreißigjähriger Mann mit Glatze und Tätowierungen auf der rechten Schulter und dem Oberarm hat sich ins Wasser gewagt und kommt gerade, als wir unsere Decken ausbreiten, nass und fröstelnd zu seinem Platz zurück. Klara zieht die Ecken ihrer Decke glatt, streicht sich die Haare aus der Stirn, stöhnt und legt sich auf den Rücken. Ich habe es so satt, sagt sie, ohne mich anzusehen, und als ich frage, was?, sagt sie, die Arbeit, die Leute, und jeden Tag der Schmutz. Dann such dir doch endlich was anderes, sage ich. Klara richtet sich ein wenig auf, dreht sich zu mir hin, stützt sich mit dem Ellbogen ab, legt den Kopf in die rechte Hand und schaut an mir vorbei, irgendwohin, ins Wasser vielleicht, das trüb ist und voll kleiner brauner Fischchen, die im Sommer, wenn sich am schmalen Sandstrand Menschen und Hunde drängen, vom Ufer in die Mitte des Sees flüchten werden. Wenn das so einfach wäre, sagt sie. Was käme denn in Frage?, will ich wissen. Klara entgegnet müde, keine Ahnung. Dein Problem ist, sage ich zu ihr, dass du dir alles vorher vorstellst wie einen Jahrmarkt, bunt, lärmend, riesengroß, und dann am Ende, sage ich, ist es viel kleiner, weniger bunt und weniger laut, und darum bist du dann enttäuscht. Klara sieht mich verwundert an. Und was soll das bitte heißen?, fragt sie ungeduldig, aber auch neugierig. Ich drehe mich von ihr weg und sehe mir drei Mädchen an, die nebeneinander auf einer Decke liegen und in einer Zeitschrift lesen, um nach jeder Seite mit aufgeregten Gesichtern das Gelesene zu diskutieren. Weiß auch nicht, antworte ich, nichts.
Ich kenne jemanden, sage ich später zu Klara, als wir die Erdbeeren essen, deren Fleisch zur Mitte hin immer heller wird, fast weiß, und die gelben Pünktchen in der glänzenden Haut knacken manchmal ein bisschen, der vielleicht einen Job als Sekretärin für dich hat. Während wir am Ufer gesessen, die Füße ins beinahe reglose Wasser gehalten und dem fahlblauen Himmel dabei zugesehen haben, wie er sich an den Rändern verfärbt, ist mir eingefallen, dass Falk eine Sekretärin für sein Architekturbüro sucht. Wenn du jemanden kennst, der Interesse hätte, hat er vor ein paar Tagen zu mir gesagt, vielleicht eine ehemalige Schulfreundin, sag mir Bescheid. Ich habe gesagt, dass ich niemanden kenne, der in Frage komme. Doch nun liegt Klara vor mir, und ich hole einen Zettel und einen Kugelschreiber aus meiner Tasche und schreibe ihr die Nummer von Falks Architekturbüro auf. Gehört einem Bekannten, sage ich, einem Freund meiner Mutter. Klara meint schläfrig, na, mal schauen.

Später, in meiner Wohnung, trinken wir Wein, und ich erzähle Klara von Falk. Der ist es, sage ich. Sie macht ein ungläubiges Gesicht und meint, aha. Wie heißt er denn und was macht er?, fragt sie, aber ich nenne weder seinen Namen, noch seinen Beruf oder sein Alter. Nur dass er schön sei, sage ich, und dass alles andere leider mein Geheimnis bleiben müsse. 
Als Klara endlich gegangen ist, spät am Abend, nachdem wir eine Flasche Wein getrunken haben, durstig von der Hitze und bemüht, ein bisschen betrunken zu werden, wähle ich Falks Nummer. Hast du noch etwas vor?, frage ich, und als er verneint, frage ich, darf ich kommen? Jetzt noch?, meint er, doch dann willigt er ein. Aber nur ein, zwei Stunden, sagt er, und ich antworte, kein Problem. In der Schublade suche ich nach schwarzer Unterwäsche. Ich wasche mich sorgfältig am Wasserhahn in meinem winzigen Bad, in dem nur ein einziges Becken und eine zur Dusche umfunktionierte Sitzbadewanne Platz haben. Als ich zu meinem Auto gehe, weht ein Wind, der das dünne Kleid bei jedem Schritt um meine Beine wickelt. Man müsste es nur einmal wagen, denke ich, Augen zu und keine Angst. 
Falk öffnet, den Telefonhörer am Ohr, die Tür. Er nickt kurz in meine Richtung. Lauscht in den Hörer, fragt, wann denn? Er nimmt seinen Kalender hervor, markiert einen Tag. Das sei in Ordnung. Die Pläne? Die bringe er mit, natürlich. Er lacht, sagt noch einmal, natürlich. Er stellt sich mit dem Telefon vor das Fenster, klopft mit den Fingerknöcheln leise gegen den Rahmen, legt eine Hand in den Nacken und streckt sich. Wie immer, sagt er und wirft einen Blick in meine Richtung. Nein, nichts Neues. Er stößt hörbar die Luft aus. Sei nicht so neugierig. Ich blättere in einem Buch, das auf dem Tisch liegt, ein Roman, es geht um Liebe. Er habe Besuch bekommen, sagt er endlich. Ja, eine Bekannte. Nein, einfach eine Bekannte. Er sieht mich an, verdreht die Augen. Dir auch einen schönen Abend. Er legt auf.

Versprich mir, sage ich später und beuge mich über ihn, der auf dem Rücken liegt und die Zimmerdecke betrachtet, versprich mir, dass du bei mir bleibst. Falk lacht spöttisch. So was kann man nicht versprechen, sagt er, man weiß doch nie, was die Zukunft bringt. Ich sage, dann versprich mir wenigstens, dass du ein wenig bei mir bleibst. Wie lange denn?, fragt Falk mit nach oben gezogenen Augenbrauen. Mindestens ein Jahr, sage ich. Nein, antwortet er, so weit kann ich nicht vorausplanen. Ein halbes Jahr, sage ich, und Falk erwidert, mal sehen. Er rollt sich vom Rücken auf die Seite, so dass er mich anschauen kann. Mit den Fingern seiner rechten Hand streicht er über meinen Bauch. So einen schönen Bauchnabel hast du, sagt er, und so dumme Fragen stellst du. Er küsst meinen Nabel, die Brüste und Schultern. Vier Monate, kann ich noch sagen, bevor er mich auf den Mund küsst. Dann legt er sich auf mich und flüstert, jetzt sei mal für einen Moment still, und ich denke, dass es, auch wenn es nur noch einen einzigen Tag dauert, besser ist als alles andere. 

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