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Die ersten Eindrücke: Zwei Jungen, die nebeneinander auf einem Hügel rechts der Autobahn stehen, der größere von beiden hat eine Hand auf das Lenkrad eines kleinen Traktors gelegt (ein Cross-Kart, sagt Willy, er spricht die Worte amerikanisch aus; will der damit etwa da runter fahren?, fragt Ruth; was denn sonst, sagt Willy), der andere pinkelnd, ein dünner Strahl, dem beide Jungen andächtig nachblicken. Der haushohe Hahn neben der Raststätte, aus weißen Stahlrohren gebogen, die Schwanzfedern eine einzige Schlaufe, der gereckte Hals, der stumpfe Schnabel, er sieht harmlos aus, sagt Willy und dreht sich im Weiterfahren nach dem Hahn um; ich habe Durst, sagt er. Simone verdreht die Augen und sagt, das fällt dir ein bisschen spät ein. Im Rückspiegel sucht sie Blickkontakt mit ihrem Sohn. Und er? Betrachtet er mit gelangweilter Miene seine Hände oder hat er den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt, wo seine Stirn einen Fleck hinterlassen wird? Bei der nächsten Tankstelle, sagt Simone, und Willy sagt ja.

Ruths Mann Sven war fünf Monate zuvor gestorben, ein Stechen im Bein hatte den Anfang gemacht, ein Kribbeln in der Wade; dass er schlecht schlafen konnte, war normal, aber nun wurde es schlimmer, einmal griff er in der Nacht nach ihrer Schulter und rüttelte sie - dabei hatte sie nicht geschlafen: Sie hatte die Augen geschlossen und auf dem Hintergrund der zittrigen, schwarzen Lider Figuren gesehen, ein Mädchen, eine Gießkanne, einen Mann und so weiter -, er flüsterte, ich halte es nicht aus, dann stöhnte er auf, und sie sagte, lass dich untersuchen, versprichst du das?, gleich morgen lässt du dich untersuchen. Später hatte sie Angst, ihn so in Erinnerung zu behalten: die Zähne unnatürlich groß, was besonders auffiel, wenn er weinte und sich auf die Unterlippe biss. Frettchen, sagte sie leise. Er sagte, was kommt dann, weißt du es?, alles, was ich vor mir sehe, ist eine unendliche Dunkelheit. Sie zuckte mit den Schultern, wer weiß das schon? Vielleicht wirst du ja wiedergeboren, sagte sie einmal, und er sagte spöttisch, als scheiß Käfer wahrscheinlich. 
Er war Professor gewesen, sie seine Studentin; sein Fachgebiet, Sakrale Kunst des Mittelalters, hatte sie von Anfang an interessiert. Ich weiß nicht, woran es liegt, sagte sie zu Simone, ich meine, ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Heiligen, sie wirken beruhigend auf mich, ein Heiliger für die Gesundheit, einer für die Liebe, einer fürs Geld und einer für die hoffnungslosen Fälle, das ist doch einleuchtend, oder? Außerdem mochte sie es, dass man die Heiligen anschauen, dass man ihre hölzernen und tönernen Leiber berühren konnte wie Talismane (die blanken Stellen an den Marienfiguren: weil es Glück bringt, ihre Hände zu reiben).
Sie war im zweiten Semester, als er auf sie aufmerksam wurde. Werden Sie die Kirchenreise ins Burgund mitmachen?, fragte er sie während einer Abendveranstaltung der Fakultät, bei der sie hinter der improvisierten Theke Wein und Saft ausschenkte und die Platten mit dem Schinken, den hartgekochten Eiern und hellgelben Spargelspitzen von der Klarsichtfolie befreite. Sie hätte fragen können: Welche Reise? Wann? Sie hätte sagen können: Ich weiß von nichts. Sie sagte: Ja.
Er hatte einen Ruf. Nordisch aussehende Frauen, hoch und kräftig, möge er. Du bist, sagte Robert, der als Assistent bei einem seiner Kollegen arbeitete, genau sein Typ, er lachte, stell dir vor, du und er, er verzog das Gesicht, und sie stellte es sich vor (ob er unter seinen Kleidern alt aussähe, ob sie ihn verachten würde oder er sie). Robert umschloss ihr Gesicht mit beiden Händen und sah sie prüfend an, was ist los?, fragte er, das war doch nur ein Scherz, er küsste sie, dann erzählte er von den Gerüchten: Es habe Liebschaften gegeben, auch eine Ehefrau, und Kinder, zwei, drei, er wisse es nicht, seine Sekretärin habe einmal ein Blatt Papier in der Schreibmaschine gefunden, das er vergessen hatte: Kein Halt an manchen Tagen, keine Zuversicht. Das muss zur Zeit der Scheidung gewesen sein. Ein unschöner Prozess, sagte Robert, die ganze Fakultät sprach davon, er selbst sah jeden Tag grauer aus, nicht nur die Haare, auch das Gesicht, die Hände.
Als sie ihn kennen lernte, lag die Scheidung schon drei Jahre zurück. Hatte sie ihn gemocht, weil er, kaum dass sie eine Kirche betraten, die Stirnhaare mit einer beiläufigen Geste glattstrich und die Studenten um Schweigen bat? Weil er, wenn er einen Altar, eine Figur, ein Bild erklärte, die Stimme senkte und sie doch zwischen den aufstrebenden Wänden nachzuhallen schien? (Auch als sie einmal die halbe Länge des Mittelgangs von der Gruppe entfernt stand, konnte sie ihn hören und schloss die Augen und lauschte.) Weil er, mit zurückgeworfenem Kopf die hohen Decken betrachtend, auch sie dazu aufforderte? Schauen Sie, sagte er und deutete auf die vom Gewölbe blickenden Engel: Sublimierung in der Entkörperlichung. Und tatsächlich: Die Engelsköpfe ruhten zwischen zwei nach links und rechts stehenden und über zwei zu einem Rumpf gefalteten Flügeln. So kreuzen schüchterne Mädchen die Arme vor der Brust, dachte sie.
Nach dem Abendessen blieben sie länger sitzen als die anderen. Sie tranken Dôle, Bordeaux, roten und weißen Burgunder, nahmen manchmal, statt eines Nachtischs, ein Glas des süßen Sauterne, den sie konzentriert blinzelnd kosteten. Er fragte, warum das Mittelalter? Warum die Kirchenkunst? Sie nannte eine unbestimmte Faszination, eine rückwärtsgewandte Sehnsucht und die Bewunderung für vergangenes Können, und er nickte immer wieder, während er sein Kinn in die Hand stützte und über ihre Antwort nachzudenken schien. Wenn er sie zu ihrem Hotelzimmer gebracht und sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, dachte sie bis zum Einschlafen an ihn: Sie stellte sich vor, wie er sie am nächsten Abend am Hineingehen hindern, wie er sie festhalten und gegen die Tür drücken würde, die sich vollends öffnete und sie beide ins Zimmer taumeln ließe (aber in ihrer Vorstellung fielen sie nicht). Als er sie am letzten Abend wieder zu ihrem Zimmer brachte, griff sie nach dem Ärmel seines Jacketts. Das ist keine gute Idee, flüsterte er nach einem kurzen Schweigen, in dem er von seinem Arm zu ihrem Gesicht geschaut hatte, und sie nickte mit brennenden Wangen und ließ ihn gehen und träumte in dieser Nacht von Robert, den sie während der vergangenen Tage vergessen hatte und der nun im Traum, erschöpft im Wartesaal eines Bahnhofs sitzend, über die auf seinem Schoß stehende Reisetasche hinweg die ankommenden und abfahrenden Züge betrachtete.
Er habe es sich fast gedacht, sagte Robert, und als sie fragte, was?, sagte er, dass du mich nicht wirklich liebst; du hast mich gar nicht verdient. Das hätte ich sagen müssen, dachte sie. Robert stand vom Sofa auf. Dann gib mir mal bitte eine Tüte, sagte er. Sie fragte, eine Tüte? 
Natürlich wollte er sich nicht umbringen. Mit der Tüte in der Hand ging er durch ihre zwei Zimmer, den rechten Zeigefinger immer wieder leicht gegen den wie zum Pfeifen gespitzten Mund tippend, sodass ein Geräusch wie von harmlosen Küssen entstand. Seine umher liegenden Bücher packte er in die Tüte; das Lesezeichen, das Ruth in den Roman gesteckt hatte, nahm er heraus und legte es auf ihren Schreibtisch, seine Socken hob er vom Boden auf und ließ sie in die Tüte fallen, seinen Rasierer, sein Shampoo nahm er aus dem Bad. Vor der Tischuhr aus dunkelgrün bemaltem Porzellan, die er Ruth zum Geburtstag geschenkt hatte, zögerte er kurz, dann wandte er sich ab und murmelte, wenn du noch etwas findest, lass es mich wissen. Sie nickte und brachte ihn zur Tür, so einfach ist das, dachte sie verwundert, und Robert griff nach der Türklinke und senkte den Kopf, sodass er die Spitzen seiner schwarz glänzenden Schuhe neben ihren nackten Zehen stehen sehen musste, er fragte, gibt es einen anderen?, und Ruth sagte, nein, das ist es nicht. Sie betrachtete Robert, der immer noch den Blick halb gesenkt hielt, seine Schulter, ihr zugewandt, im grauen Stoff, sein Ohr, blassrot wie eine Marzipanrose und für einen Mann seiner Größe eigentlich zu klein - aber was bedeutete das? Geiz? Kleinmut? -, die kräftige Nase, deren höchsten Punkt ein winziger, seit einem Nasenbeinbruch hervorstehender Knochensplitter bildete, die schattige Haut seiner Wangen, das schnurgerade Haar, die Augen in der Farbe von verwelktem Laub. Er sagte, du bist dir also sicher, weißt du, wenn ich jetzt gehe, komme ich nicht mehr zurück, seine Stimme war leise und gleichmütig, er sah sie nun direkt an. Und wenn es dir bald schon leid tut? Als sie den Kopf schüttelte, sagte er, wie du möchtest, er drückte die Klinke der Tür herunter, die Tüte raschelte, als er in den Hausflur trat, er drehte sich zu ihr um, er sagte, Ruth, und hatte plötzlich etwas Flehendes in der Stimme und in dem leicht offenstehenden Mund und der Dreiecksfalte zwischen den Augenbrauen, aber sie schüttelte noch einmal den Kopf, und er ging.

All dies fiel in eine Zeit, die Ruth rückblickend als Experimentalphase bezeichnet. Aus einem zwei Fahrstunden entfernten Dorf war sie ein Jahr zuvor in die Stadt gekommen, zum ersten Mal wohnte sie nun alleine. An manchen Abenden konnte sie die Stille, die bei geschlossenen Fenstern in ihrer Wohnung möglich war, kaum fassen, ebenso verblüfften sie die Freiheiten: nackt in der Küche zu stehen und sich vor dem geöffneten Kühlschrank ein Abendessen zu überlegen (Dosenfisch, Käse, Gurke und Zwieback) und dabei zu frösteln, während das Licht im Kühlschrank zu blinken begann, Vorlesungen zu besuchen oder auch nicht, abends zu Fuß in die Innenstadt zu gehen, sich in ein Restaurant zu setzen und sich danach von irgendwem aus dem Restaurant und irgendwohin führen zu lassen, in eine Diskothek, in eine Bar mit stillen Nischen, wo sie an dunkel gebeizten Tischen saßen und sich mit überspannter Ernsthaftigkeit Geständnisse machten, in einen Hauseingang, eine Wohnung, die sie mit wenigen Blicken erfasste: das Poster von der Kunstausstellung, die Plattensammlung, die eingerissene Kinokarte auf dem hölzernen Couchtisch, die vor dem Sofa liegenden zugebundenen Turnschuhe. Im Moment, sagte Ruth zu Simone, möchte ich keinen Freund haben, verstehst du das?, also zumindest keinen festen, sie lachte. Simone fragte, kannst du ihn mal halten?, und gab Ruth das Baby, dessen dickes Gesicht mit den geschwungenen und in einen winzigen Zapfen mündenden Lippen und den halb geschlossenen Augen aus einem weißen Stoffsack herausschaute. Er ist so hübsch, sagte Ruth. Aber das stimmte nicht: William war nicht hübsch. Seine Kopfhaut war kahl und mit Stellen trockenen Schorfs bedeckt, seine Nase rot und platt wie eine zerdrückte Sauerkirsche, die Augenbrauen waren nahezu haarlos und lagen auf einer von Schläfe zu Schläfe reichenden Erhebung, die das Baby, sogar wenn es schlief, unzufrieden aussehen ließ. Kommt noch, sagte Simone, warte ab, wenn der erstmal Haare hat.
Sie hatten gemeinsam das Studium begonnen, nachdem sie ihre Kindheit und Jugend in benachbarten Häusern verbracht hatten: Simone im flachen, mit weißen Schindeln bedeckten Bungalow, Ruth im spitzgiebeligen, über zwei Stockwerke reichenden Fachwerkhaus, dessen Grundmauern, wie sie als Kind Simone gegenüber betonte, von ihrem Urgroßvater gelegt worden waren. Wann genau ihre Freundschaft begonnen hatte, wussten sie nicht mehr; am Tag der Einschulung, behauptete Ruth, aber Simone widersprach, sie seien schon vom Kindergarten gemeinsam nach Hause gegangen, sie erinnere sich genau an Ruths Tasche, in der sie Butterbrot und Taschentücher verstaut hatte, an das türkisblaue Plastik und den goldenen Rand, der sie immer an die Verzierung von königlichen Mänteln, an Schmuck habe denken lassen. Ruth konnte sich nicht erinnern. Aber wusste Simone noch, wie sie Ruth einmal einen ganzen Tag lang in ihrem Zimmer eingesperrt und sie auch zur Mittagszeit nicht rausgelassen hatte, wie sie ihr stattdessen eine Schale Haferflocken brachte, die sie mit warmem Kakao zu einem braunen Brei vermischt hatte, wie sie ihr zweimal eine Runde durch Diele und Küche, dreimal einen Gang ins Bad erlaubte, wobei sie die Fluchtversuche Ruths durch einen festen Griff nach ihrem Arm vereitelte? Erinnerte sie sich an den Weihnachtstag, als sie den Karpfen in der Badewanne des Nachbarn betrachteten und Simone einen Plan entwarf, der die Befreiung des Fisches vorsah (sie wollten ins Eis des nahen Tümpels mit ihren Absätzen ein Loch stoßen und den Fisch ins Wasser setzen, was nie geschah; der Karpfen wurde gegessen)? Erinnerte sie sich an die Eifersucht zwischen ihnen, an die Treueschwüre und -beweise, an die Listen, auf denen sie einander als jeweils beste Freundin angaben, vor zweiten, dritten, vierten, deren untergeordneter Rang auch auf dem Papier durch einen deutlichen Abstand zum ersten Namen kenntlich gemacht wurde? An die Endgültigkeit, mit der sie sich stritten? Ja, sagte Simone, natürlich erinnere ich mich.
Kurz nach dem Beginn des Studiums hatte Ruth eine Veränderung an Simone feststellen können. Simone, die all die Jahre hindurch immer die bessere Schülerin gewesen war, zeigte nun Schwächen, die eher Ruth entsprochen hätten. Zwar gab sie weiterhin zweimal wöchentlich Nachhilfestunden, diesmal einem dreizehnjährigen Mädchen, das, kaum saß es an Simones Küchentisch, zuoberst auf ein jungfräulich leeres Blatt Hausaufgaben schrieb und dabei ein Lineal zur Hilfe nahm, sodass alle Buchstaben eckig aussahen, und das nach jeder Stunde von Simone wissen wollte, was sie in ihrer Freizeit mache und ob sie einen Freund habe. Und einem siebzehnjährigen Gymnasiasten, hübsch, aber pickelig, dessen Verlegenheit ihr gegenüber Simone bestürzend fand und schmeichelhaft. Aber ihr Studium vernachlässigte sie. Sie versäumte vormittägliche Vorlesungen, verlor Unterlagen und Bücher, sie vergaß, sich auf Prüfungen vorzubereiten und lehnte es ab, an einer Führung durch die Bibliothek teilzunehmen. Stattdessen fing sie an zu kochen, bereitete Unmengen von Eintöpfen und Suppen zu, backte salzige und süße Kuchen, die sie Ruth zu essen nötigte, während sie selbst, mit gekreuzten Beinen auf der harten Sitzfläche des Stuhles sitzend, die Fußknöchel weiß wie die Knochen einer Toten, nichts aß. Nachdem sie sich in einen Schreiner verliebt hatte, den sie in einem Lokal kennen gelernt und dessen Werkstatt sie am folgenden Tag besichtigt hatte (all die Schnitzwerke in Türen und Schränken, die gedrechselten Stuhlbeine, die geschliffenen Kanten und Ecken!), erklärte sie Ruth, in Zukunft handwerklich arbeiten zu wollen. Gemeinsam überlegten sie, was in Frage käme. Hutmacherin, Floristin, Goldschmiedin, schlug Ruth vor, aber Simone sagte zu allem nein, erwog selbst nur kurz einige Berufe, Schneiderin, Masseurin, und machte dann eine abwehrende Geste: die Unterarme vor die Augen; nein, sagte sie, all das ist es nicht, aber weißt du was, ich bin schwanger. Vom Schreiner?, fragte Ruth, und Simone sah sie einen Moment orientierungslos an, dann nickte sie langsam, von Tom, ja, natürlich, sie lächelte; und jetzt kommt die Zeit, sagte sie, in der mir jeden Morgen übel sein wird und ich erst dünn und dann, ganz allmählich, dick werde.

Ruth hatte Robert das erste Mal an der Universität gesehen. Sie hatte vor dem Sprechzimmer ihrer Professorin gewartet, und Robert war an ihr vorbeigegangen, in der Hand ein Blatt, das er mit skeptischem Gesichtsausdruck durchlas; eine Einladung zu einer Promotionsfeier, sagte er später, als sie ihn nach diesem Blatt mit einer Dringlichkeit fragte, als habe es eine Bedeutung für den weiteren Verlauf ihrer Beziehung - die Promotion eines Kollegen, ergänzte er, eines Kollegen, den er nicht mochte, wusste Ruth inzwischen, und das erklärte auch den verbissenen Gesichtsausdruck. Sie hatte einen Schritt nach vorne gemacht, und Robert war gegen sie gestoßen, hatte sich entschuldigt und sich im Weitergehen nach ihr umgedreht. Als sie sich zwei Wochen später bei einem Konzert begegneten, erkannte er sie wieder und fragte nach ihrem Namen. Ruth, wiederholte er gewichtig, die treue Gefährtin. Er habe gedacht: Esther, Stella, Lena. Aber nicht Ruth. Ihr schien es, als hätte er die vergangenen Tage an sie gedacht. Sie ließ sich von ihm küssen, als er sie gegen Mitternacht nach Hause brachte. Sie war nicht verliebt. Während sie sich küssten, dachte sie an ein Lied, das sie gehört hatte, I hate it but that doesn't mean it's bad, in other words I quite enjoyed it. Es gefiel ihr, dass sie ihm gefiel. 
Von Beginn ihrer Beziehung an gab es eine Reihe von Eigenschaften und Gewohnheiten, die Ruth an Robert störten: Seine Art, Sätze einzuleiten; hör zu, sagte er, oder: pass auf, und sie fühlte sich ermahnt und reagierte manchmal mit einem übertrieben gereckten Kopf und ironisch gehobenen Augenbrauen, aber er bemerkte es nie, und so ließ sie es bleiben. Gingen sie zusammen ins Museum, machte er sich ungefragt zu ihrem Führer, erklärte ihr Bilder, korrigierte ihre Urteile, vergab Prädikate - er zeigte auf ein rotes (blaues, gelbes) Gemälde, auf dem eine Reihe von senkrechten schwarzen Strichen (Dreiecken, Kreisen) zu sehen war, alle in unterschiedlicher Länge, die aber nie über die Mitte des Bildes hinausragten, und sagte, sensationell (großartig) -, und wenn sie widersprach, belehrte er sie geduldig und nachsichtig. Er wusste so viel mehr als sie, dass sie sich nur spaßhaft zur Wehr setzte und auf ihren eigenen Geschmack verwies. Als sie ihn das erste Mal nackt sah, musste sie lachen. Er sah schmächtig aus, die haarlose Brust weckte ihr Mitleid, die dünnen Beine, die überraschende Größe seines Kopfes im Verhältnis zu den Schultern, sie sagte, komm, komm zu mir, und streckte die Arme nach ihm aus; womöglich war das der Moment, in dem sie sich in ihn verliebte, aber gemocht, würde sie später zu Simone sagen, habe ich ihn nie.
Und auch Simone mochte Robert nicht. Frag nicht, wieso, sagte sie zu Ruth und streichelte ihren Bauch, der sich inzwischen deutlich rundete, es ist nur so ein Gefühl. Vielleicht war es, dass sie von Robert eine Verachtung ausgehen spürte, die sich auf sie und ihre neuen Lebensumstände bezog: das mit Erdbeeren und Kirschblüten bemalte Wachstuch auf dem Küchentisch, die Ansammlung pastellfarbener Babywäsche im Korb auf der Waschmaschine, die flachen Gesundheitsschuhe, das gänzliche Fehlen von Büchern. Sie sagte, fühl mal, und Ruth legte eine Hand auf Simones Bauch, spürte den nach außen gewölbten Bauchnabel und zuckte zurück. Während Ruth an die Universität ging, in den Pausen in der Cafeteria saß, lauwarmen Milchkaffee aus dickwandigen Porzellanbechern trank und eine Zigarette an der vorherigen anzündete, während sie sich abends mit Robert traf und mit ihm die Verhältnismäßigkeit staatlicher Maßnahmen und die Notwendigkeit des politischen Engagements in der Kunst diskutierte, während sie miteinander schliefen (inzwischen musste sie bei seinem Anblick nicht mehr lachen) und sich stritten, verbrachte Simone die Tage der Schwangerschaft in ihrer Wohnung, sah sich Sendungen im Fernsehen an, über die sie sich früher herablassend geäußert hätte - einmal rief sie die magere Expertin im Fernsehstudio an und ließ sich die Wirkung von psychischem Stress auf das ungeborene Kind erläutern -, und kochte. Ab dem fünften Monat lief sie mit durchgedrücktem Rücken umher und setzte sich im Bus schwerfällig auf die schnell freigegebenen Sitze. Der Vater, sagte sie, sobald jemand fragte, ist über alle Berge, schon seit Wochen auf und davon; dazu machte sie eine flatternde Bewegung mit der Hand (ein auffliegender Vogel, schon jetzt nicht mehr als eine Erinnerung).
Wenn Ruth mit Robert stritt, wunderte sie sich manchmal, wie hart sie ihm gegenüber war - und wie hilflos. Es konnte vorkommen, dass sie nach einem gemeinsam verbrachten Wochenende im Auto fuhren - Robert hatte das Fenster geöffnet und streckte von Zeit zu Zeit den Kopf raus, um sich den Wind ins Gesicht wehen zu lassen, er war übermütig; Ruth dachte, albern - und aus einem kleinen Anlass, einem Wort, einem Blick, einer kurz zuvor in Anwesenheit von Freunden gemachten Äußerung, entbrannte ein Streit, in dessen Verlauf Ruth, die Hände ums Lenkrad geklammert, zu schreien anfing; sie schrie ihm Sachen entgegen, von denen sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hatte, dass sie sie dachte, und doch war es so: Der Hass, die Wut, die vollkommene Unvorstellbarkeit, diesen Mann zu lieben, waren da, und immer blieb davon etwas zurück, mochten sie sich auch am Ende der Fahrt oder des Tages wieder versöhnen.
Nachdem Simone das Baby geboren hatte und Ruth bei ihr im Krankenhaus gewesen war, träumte sie von Robert. Er saß an seinem Schreibtisch und schrieb, und sie konnte sich mühelos zu ihm hinschleichen, ohne dass er ihre Schritte auf dem Boden, ihren Atem hörte. Als sie ihm über die Schulter sah, bemerkte sie, dass er den Stift zwar über das Papier gleiten ließ, dass aber kein einziger Buchstabe auf dem Papier erschien. Dann drehte er sich zu ihr um und lachte, er sagte, da hast du dich getäuscht, und schlug mit der flachen Hand nach ihr, doch sie zog rasch den Kopf weg, sodass er ins Leere schlug. Als sie aufwachte, raste ihr Herz. Schloss sie die Augen, sah sie vor sich das knittrige Babygesicht von William und die kleinen, zu Fäusten geballten Hände mit den weichen, ein wenig schmutzigen Fingernägeln.  


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Weil die Krähen (aber es könnten auch Raben sein, denkt Ruth) gleichzeitig aufflattern und zu Dutzenden die Baumkrone verlassen, aufgeschreckt von einem nur für sie hörbaren Laut, sieht es so aus, als werde ein Netz vom Baum gehoben; eines, das seine Früchte hätte schützen sollen. Du musst Richtung Preston fahren, sagt Simone, und dann bei Garstang raus, hörst du? Ruth nickt. Ja, Garstang raus, wiederholt sie. In Preston, sagt die Nachrichtensprecherin, steht ein Mann vor Gericht, der drei Frauen je ein Stück ihrer Zunge abgebissen hat, sie sagt verwundert: In einer einzigen Nacht. 
Sie leben seit fünf, sechs Jahren hier, erzählt Simone. Thilda ist Amerikanerin, und England schien ihnen offenbar so etwas wie ein Kompromiss zu sein. Sie ist auch Lehrerin, oder vielleicht sollte ich sagen: war auch Lehrerin. Seit der Geburt ihrer Tochter arbeitet sie nicht mehr. Und Peter?, fragt Ruth. Der ist nach wie vor Lehrer, sagt Simone. Ich glaube, an einer Mädchenschule. Gefährlich, gefährlich! Sie lacht. Ist er denn hübsch?, fragt Ruth. Nein, sagt Simone, eigentlich nicht. Aber interessant, das schon. Sie zieht die Schultern hoch, sodass sie fast halslos aussieht, und sagt, er hat etwas von einem Stier an sich, aber das klingt jetzt schlimmer, als es ist. Sie dreht sich zu Willy um. Erinnerst du dich an Peter? Ja, sagt Willy, ich finde nicht, dass er einem Stier ähnelt, eher einer Kröte. Oh Gott, sagt Ruth und macht ein gequältes Gesicht, ich bin gespannt. Er wird dir nicht gefallen, sagt Willy, obwohl - er lehnt sich nach vorne, bis sein Kopf zwischen Ruth und Simone ist, Ruth kann aus den Augenwinkeln sehen, dass er sie betrachtet - weiß man's? Ruth lächelt, aber Simone sagt, das reicht jetzt, nicht so vorlaut.
Der Mann, der ihnen im Vorgarten des roten Backsteinhauses entgegen gelaufen kommt, hat nichts von einem Stier an sich und nichts von einer Kröte, denkt Ruth. Sie sind eine halbe Stunde durch das Städtchen gefahren, die schmalen Straßen entlang, vorbei an den kleinen Läden mit ihren altmodischen Blechschildern (bakery, grocerie, ein Pub namens Kings Arms), vor denen sich Rentner und Eltern mit Kleinkindern auf dem Gehweg stauten. Sie haben die Straßenschilder angeschaut, und wenn es keines gab, haben sie geschimpft. Der Wegweiser zur Garstang High School war es schließlich, der sie auf den richtigen Weg brachte - ich weiß, dass sie gegenüber einer Schule wohnen, sagte Simone. Sie parkten zwischen den Autos der wartenden Mütter, die ihren Kindern in den dunkelblauen Schuluniformen zuwinkten. In kleinen Grüppchen kamen sie aus dem Hof der Schule, die Kniestrümpfe der Mädchen zu Socken gerutscht, die Hosen der Jungen von Schlüsseln und Portemonnaies ausgebeult, sie blickten nach rechts, dann nach links, sie schlenderten ihren Müttern entgegen und stiegen, lustlos und ein wenig herablassend, in die Autos ein. 
Im Erker des Backsteinhauses wird der Vorhang zur Seite geschoben, und Ruth kann die Gestalt einer Frau sehen, dunkle Haare, die Kleidung hell wie die Gardine, die Frau lächelt und hebt die gespreizte Hand, legt sie kurz in einer sentimentalen Geste gegen die Scheibe, bevor sie sich abwendet und der Vorhang zurückfällt. Peter spricht ein Deutsch, in das sich eine Färbung eingeschlichen hat, ein melodischer Tonfall, er umarmt Simone lange, bevor er Ruth und Willy begrüßt. Er ist nicht sehr groß, kaum größer als Ruth, aber stämmig, seine blonden Haare hängen ihm über die Ohren und in den Nacken, tatsächlich hat er einen kurzen breiten Hals, aber er sieht nicht plump aus, eher drahtig und stark wie ein geschickter Ringer. Der Vorgarten ist um ein Rondell herum angelegt, in dessen Mitte eine Skulptur steht, eine Frauenfigur aus strahlend weißem Stein, die in ein langes Gewand gehüllt ist und auf deren Kopf wie ein ausladender Hut ein Heiligenschein sitzt (tatsächlich hat Ruth einige Sekunden lang geglaubt, es sei ein Hut). Kommt rein, sagt Peter und geht ihnen voran die zwei Stufen hoch in den engen Vorraum. Schuhe aus!, ruft er, aber als sie sich, gegeneinander und gegen die Wände stoßend, bücken, um ihre Schuhe auszuziehen, lacht er. War nur ein Scherz, sagt er. Ihr wisst ja sicher, dass es Ärzte und Lehrer sind, die statistisch gesehen am ehesten Selbstmord begehen? Dagegen helfe nur Humor. Er öffnet die Tür, Thilda!, ruft er, Adelaide!, dann wendet er sich zu den dreien um, die im Vorraum stehen, wieder aufgerichtet, wartend, bereit zu lächeln. Mit einem Arm hält er die Tür auf und winkt sie durch.
Es ist das Haar von Thilda, an das Ruth denkt, als sie in ihrem Zimmer auf dem breiten Bett sitzt, den Koffer neben sich, die Handtasche auf dem Schoß. Es ist plustrig, es sieht aus, als sei es eigentlich lockig und alle Locken seien herausgebürstet. Wie ein Busch steht es ihr um den Kopf, denkt Ruth, porös, ausladend und völlig glanzlos. Als sie in den Flur getreten waren, war Thilda ihnen entgegengekommen, das weite Kleid raffend, als drohe sie darüber zu stolpern, und Ruth dachte sofort, dass Thilda genau so aussähe, wie sie sich in ihrer Jugend gewünscht hatte auszusehen, blass, aber mit weichen Gesichtszügen, dunklen Augen und einer sich leicht nach oben wölbenden Oberlippe, die dem Gesicht etwas Kapriziöses und gleichzeitig Zugängliches gab und beim Sprechen die Schneidezähne sehen ließ, darüber eine ganz und gar unauffällige Nase. Thilda sprach sehr leise, ihr Deutsch war fließend, aber mit einem starken amerikanischen Akzent, in dem das R unterging und die Vokale gedehnt wurden. Da kommt Adelaide, sagte sie stolz, als ein kleines Mädchen in den Raum trat, die Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt, den Kopf gesenkt, und von unten herauf neugierige Blicke auf die Besucher warf. Versteck dich nicht, sagte Thilda und schob Adelaide, die sich hinter sie gestellt und ihre Beine umfasst hatte, vor die Besucher hin. Hi, sagte Ruth, und das Mädchen sagte, Hi, und hob endlich seinen Kopf, zeigte blaue Augen und eine hohe, gewölbte Stirn mit einem flächigen Muttermal darauf, das knapp unter dem Haaransatz begann und in die hellen Haare überging. 
Als Ruth in den Wintergarten kommt, spricht Thilda über Adelaide, die mit verschlossenem Gesicht auf dem Boden kniet und eine schwarze Puppe anzieht. Mit drei Jahren erst, sagt Thilda, stell dir vor. Wir wissen bis heute nicht, woran es lag. Aber eines Tages öffnete sie dann den Mund und sagte einen Satz, sie fragte, wo ist der Pinguin?, denn das war ein Spiel, das ich mit ihr spielte: Ich versteckte ihr Stofftier, und sie suchte es. Drei Jahre, das ist wirklich spät, sagt Simone. Sie sitzt im Schneidersitz am anderen Ende des Sofas und sieht von Thilda zu Adelaide und zurück. Aber immerhin, sagt sie, gleich ein ganzer Satz. Auf dem niedrigen Tisch steht eine Karaffe mit Wasser, in das Thilda Zitronenschnitze und Eiswürfel getan hat. Wir trinken keinen Alkohol, erklärt sie, darum haben wir auch keinen im Haus, ich hoffe, das ist in Ordnung für euch. Aber sicher, sagt Ruth. Trinkt ihr nie Alkohol?, fragt Willy. Er sitzt in einem niedrigen Korbstuhl, der, kaum dass er sich bewegt, ein Knirschen von sich gibt, das ihn jedesmal in Verlegenheit bringt. Er hat die Beine übereinander geschlagen und sieht Thilda ungläubig an. Ja, sagt sie, wir vermeiden alle Suchtmittel: Zigaretten, Alkohol, auch Medikamente. Keine Kopfschmerztabletten, kein Hustensaft?, hakt Simone nach. Nichts, sagt Thilda. Es gibt andere Mittel: Heilpflanzen, Wickel, Bäder. Sie steht auf und hebt die Karaffe an. Wer will noch? Ruth hält ihr Glas hoch. Und Fleisch?, fragt sie. Selten, sagt Thilda. Seid ihr denn Vegetarier?, fragt Willy. Nein, sagt Thilda. Wir sind Christen.
Aber wie würde sie, fragt sich Ruth, als sie in der Nacht wach in ihrem Bett liegt, diesen Abend in Erinnerung behalten (denn die Zeit wird das Gewesene verändern, und sie wird vielleicht Thildas Erzählungen über Adelaide vergessen und das Gebet vor dem Essen, in dem Peter für die Suppe und den Auflauf dankte und dafür, dass die Gäste heil angekommen waren). Würde sie sich an den Blick in den Garten erinnern, an die niedrige Hecke aus kargen Büschen, hinter der sich eine weite Wiese auftat, mit nichts darauf als einem Brunnen aus dunklem Stein, darüber, an zwei Holzbalken befestigt, ein spitzes kleines Dach und in der Ferne eine Reihe von Pappeln, schlank wie Tänzerinnen? Würde sie sich an Willy erinnern, an seine Schilderung des Films, den er im Imax-Kino in Bristol gesehen hatte - der Big-Bang, die um das Schwarze Loch rotierenden Galaxien, die heißblütige junge Erde, irgendwann die riesenhaften Dinosaurier, der tierähnliche Neandertaler, der aufrechte Gang? Und an Thildas Einwände dagegen? Denn nichts von all dem sei wirklich erwiesen; die Schädelfunde, die vermeintlich lückenlosen Evolutionsketten, die Idee, ein Zufall und nicht göttliche Schöpfung habe die Menschheit hervorgebracht und mit ihr die Tierwelt, die Fauna, sie lachte abschätzig, vom Fisch zum Menschen, sagte sie, so stellst du dir das also vor?, und wo hat Gott seinen Platz darin?, ist er vielleicht auch nicht mehr als eine Hypothese, wie all die Funde, die die Forscher als Wahrheit deklarieren, nur um Jahre später eben diese Wahrheit zurückzunehmen, weil der gefundene Schädel doch nicht der eines frühen Menschen, sondern der eines Affen war, weil der Mensch eben von Anbeginn an das war, was er sein sollte: das Ebenbild Gottes... - Thilda, sagte Peter leise, bitte. Sie hielt inne, legte sich eine Hand vor den Mund und sah auf ihren Teller. Entschuldigt mich bitte einen Augenblick, sagte sie, stand auf und verließ den Raum.
Sie aßen schweigend weiter, und dann fragte Ruth Adelaide, ob sie gerne Gemüse esse (ja) und was ihr liebstes Spiel sei (Puppen), wann sie in die Schule komme (nächstes Jahr) und ob sie Tiere möge (ja), alle? (ja), auch Spinnen? (ja, aber Haie nicht). Adelaide sprach Deutsch und Englisch, mischte Brocken beider Sprachen in einem Satz zusammen, sie aß und trank und baumelte dabei so heftig mit den Beinen, dass ihr Oberkörper rhythmisch vor und zurück schwang. Als Thilda an den Tisch zurückkam, schafften sie es, über Belangloses zu reden; sie erwähnten die englischen Fernsehsender, die Simone besser fand als die deutschen, und die Stürme des vergangenen Winters, denen einer der Birnbäume in Peters und Thildas Garten zum Opfer gefallen war (innen bereits hohl, nachdem ihn im Vorjahr ein Blitz getroffen und fast vollständig hatte ausbrennen lassen). Das Holz des Baumes lag in säuberlichen Scheiten am Rand des Gartens. Es gab einen Augenblick an diesem Abend, in dem Ruth Willy bewunderte. Das war, als er sich - sie stellten gerade die Teller ineinander und Peter schickte sich an, sie in die Küche zu bringen -, an Thilda wandte und sagte, es sei vorzüglich gewesen; er sprach englisch, er sagte, delicious, und ließ das Wort in einem breiten Lächeln enden, das um Entschuldigung bat. Thanks, sagte Thilda. 

Es gibt einen heidnischen Brauch, der im Herbst die Geister des Winters milde stimmt und der sie im Frühjahr vertreibt: Sie müssen dazu die Holzscheite aufeinander stapeln und zwischen die Scheite winzige Äste stecken, an denen sich das Feuer entzünden soll. Adelaide läuft immer wieder unter die Bäume und bringt Arme voller Zweige, die sie ihrem Vater zu Füßen legt. Willy und Peter schichten das Holz auf, bis es spitz wie ein Tipi ist. Ruth erinnert sich an die Herbstfeuer, die ihr Vater für sie und Simone entfacht hat, an den stickigen Geruch, der in ihren Kleidern haften blieb und sie noch tagelang an das gemeinsame Abenteuer denken ließ (sie waren Indianerkinder und mussten sich ihr Essen zusammensuchen, sie waren Eskimos, die sich am Feuer wärmten, sie waren die ersten amerikanischen Siedler und soeben aus Europa herübergekommen, wo sie verfolgt worden waren); sie erinnert sich an den Geschmack der schwarzen Kartoffelschale, an die Wärme im Gesicht, das Knistern der Äste und Zweige, wenn sie unter der Hitze brachen. Thilda steckt die Kartoffeln an Stöcke, so dass sie aussehen wie einfältige Blumen. Sie trägt eine weiße Wolljacke, deren Ärmel ihr über die Handrücken fallen, ihre Hose ist orange und an den Knien ausgebeult, die Haare hat sie aus dem Gesicht genommen und mit einem gerüschten Gummiband am Hinterkopf zusammengebunden. Pass auf!, ruft sie, als Adelaide in ihre Kartoffel beißen will, sie nimmt sie ihr aus der Hand und entfernt alle schwarzen Stellen daran, indem sie sie spitzzahnig abbeißt und neben sich ins Gras spuckt. It's carcinogenic, erklärt sie, als sie Ruths Blick bemerkt. Ob sie Kinder habe? Nein, sagt Ruth, ich wollte, aber es ging nicht. Dann kenne sie die Ängste nicht, die sie ausstehe, stellt Thilda fest. Seit Adelaide auf der Welt sei, habe sie immer Angst. Ich stehe am Morgen mit dem Gefühl der Angst auf, und in der Nacht schleiche ich mehrfach ins Kinderzimmer, weil ich plötzlich sicher bin, dass Adelaide stirbt, vielleicht weil sie sich auf den Bauch gelegt oder weil sie sich die Bettdecke über den Kopf gezogen hat oder ohne Grund. Dann stehe ich über sie gebeugt und lausche, sagt Thilda. Und manchmal wacht sie davon auf und stößt vor Schreck einen kleinen, spitzen Schrei aus, der wie ein Wimmern klingt.

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