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Hunde-IQ
Mein Nachbar ist ein gewissenhafter und etwas reizbarer Mann,
der seit einigen Jahren in Pension ist. Vor dem Umzug in die neue Wohnung,
hatte er auf einem Grundriss-Plan sämtliche Möbel und Bilder
eingezeichnet. Offenbar lebten er und seine Frau vorher in einer größeren
Wohnung, so dass sie über zu viel Mobiliar verfügen. Seine Frau bewegt
sich geschmeidig zwischen den eng stehenden Kommoden und Tischen, sie ist
duldsam und freundlich wie eine Primel.
Reizbar ist mein Nachbar, wenn es um Versäumnisse der Hausverwaltung und
um seinen Hund Harro geht. Der Hund ist schon seit längerem tot, aber mein
Nachbar ist immer noch ein großer Hundefreund. Sobald meine Hündin Luca
ihn anbellt, wie sie jeden anbellt, sagt mein Nachbar: Ah, der gefährliche
Hund! Luca ist klein, reicht gerade bis zum Knie. Sie ist zickig und war
es früher noch mehr, und ich halte gar nichts von dem Allgemeinplatz,
demzufolge Tiere wie ihre Besitzer sind.
Genau das sagte aber nun kürzlich mein Nachbar zu mir, und das alles nur,
weil ich sagte, Doggen gelten als die dümmsten Hunde, ob er das wisse, und
dabei selbst nicht wusste, dass Harro eine Dogge war. Er halte nichts von
diesen Intelligenztests, sagte mein Nachbar, und ein Hund sei einfach
immer wie sein Besitzer. Er musste laut sprechen, weil Luca bellte. Und
Harro, schloss mein Nachbar, sei intelligent gewesen, nur eben, leider,
früh gestorben. The best die young, sagte ich, aber das war es schon zu
spät.
Mit Luca ist es nun so, dass alle sie für clever halten, weil sie so
ähnlich aussieht wie der Hund von Charlie Chaplin in "A dog's life". Der
einzige Intelligenztest, den ich mit Luca machte, war jedoch ein Reinfall.
Unter eine umgedrehte Plastikschale sollte man eine Leckerei legen. Sehr
intelligent sei der Hund, stand in der Anleitung, wenn er die Leckerei
innerhalb einer halben Minute bekomme. Intelligent, wenn er es innerhalb
einer Minute schaffe. Mäßig intelligent, wenn er dazu zwei Minuten
benötigte.
Ich zeigte Luca den Schinken, legte ihn unter die Schale und setzte mich
gespannt daneben. Auch Luca setzte sich gespannt daneben. Sie sah mich an
und reichte mir eine Pfote. Hier, sagte ich, und klopfte leicht auf die
Schale. Luca rückte ein bisschen näher zu mir hin und legte ihren Kopf auf
mein Knie. Sie hat nussbraune Augen mit hellen Wimpern und Augenbrauen,
mit denen sie bei Bedarf sorgenvoll wackeln kann. Es ist sehr schwer, ihr
zu widerstehen. Hier, sagte ich nochmals. Es waren inzwischen drei Minuten
vergangen. Luca sah kurz die Schale an, dann fing sie an zu bellen. Nach
acht Minuten gab ich ihr den Schinken. Unklar bleibt, ob sie nun sehr dumm
ist oder sehr klug.
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